Aufbruch

Tag der Abreise, frisch gestärkt und zwei wunderbare Tassen Kaffe intus, für die Dritte hatte es leider nicht mehr gereicht, begannen wir den Van zu beladen. All unsere Rucksäcke gingen aufs Dach, die Foodboxen, Zelte sowie das überlebenswichtige Mosquito Netz. Blache drüber und einsteigen. Da wir eine kleine Truppe waren hatten wir genügend Platz im Minibüsschen für uns alle. Ich zwängte mich auf meinen Lieblingsplatz, den Rücksitz. Bevorzugte die Rückbank da sie genügend Platzfreiheit bot. Kannte die Vorteile aus früheren Touren mit dieser Gesellschaft.

Auf einmal rannte ein Typ auf unsere Gruppe zu. So auf den ersten Blick sah er aus wie ein Penner. Abgetragene Kleidung, welche an ihm herumlotterte, rasieren schien ein Fremdwort für ihn zu sein, sein Bart war mindestens ich weiss nicht wie alt. Auch ein Haarschnitt wäre nicht zu verachten gewesen. Vor dem Van hielt er an und fragte nach dem Tourleader. Matt hob die Hand und die zwei traten etwas vom Bus weg. Sie schienen eine angeregte Unterhaltung zu führen. Die übrigen 4 Tourmitglieder, welche sich alle noch ausserhalb des Vans aufhielten, begannen leise zu flüstern. Was er wohl wollte, wer er war, wieso er ausgerechnet Matt sprechen wollte etc. Mich interessierte das Ganze nicht. Die Antwort würde sicherlich gleich präsentiert werden.

Nach etwa 10minütiger heftiger Diskussion zwischen Matt und dem, hüstel, Penner kamen die beiden wieder zurück. Während der andere zurück rannte in die Richtung aus der er gekommen war, begann Matt eine Erklärung abzugeben.

"Hey, alle mal herhören. Wir werden für die nächsten 2 Tage einen Gast bei uns haben. Der Typ der eben hier war war Jack. Er arbeitet für eine Umweltorganisation hier in Costa Rica und unser Trekingbüro hat mit denen ein abkommen, dass wenn diese eine Transportmöglichkeit benötigen, sie sich an uns wenden dürfen. Sofern Platz vorhanden, können sie dann mit uns mitreisen. Dies ist hier ganz eindeutig der Fall. Also, wenn ihr nichts dagegen habt, wir Jack uns begleiten." Ein mehr oder weniger einstimmiges Kopfnicken folgte auf Matts Frage, wobei Peggy und Monique eindeutig die Nase rümpften. Achtung Mädels, das gibt Falten. Doch insgeheim musste ich ihnen zustimmen, grad begeistert war ich nicht, aber der Umwelt zuliebe nahm ich das natürlich gern in Kauf. Könnte ja auch ganz interessant werden mit diesem Jack, sofern ich ihn zu einer Rasur überreden konnte.

10 Minuten später war Jack wieder hier, im Schlepptau einen Seesack. Er begann sich den anderen Vorzustellen. Sollte ich mich jetzt wieder aus dem Van quetschen? Nö, wird sich schon ergeben.

Jo setzte sich zusammen mit Jack auf die zweitforderste Bank, während Chris und Monique sich es hinter dem Fahrersitz bequem machten. Nicht benötigtes Gepäck wurde auf die freie Bank zwischen mir und Jo, Jack geworfen. Wieso setzte sich Jo neben Jack? Peggy setze sich natürlich neben Matt. Wie konnte es auch anders ein. So wie die ihn anhimmelte, ein Wunder dass sie noch nicht über ihn hergefallen war. Auf einmal fühlte ich mich völlig ausgeschlossen. Für einen ganz kurzen Moment tat ich mir selber furchtbar leid. Danach übte ich meine Fähigkeiten als 'Tapferes Schneiderlein' und versuchte den Van von den lästigen Mosquitos zu befreien. Ergebnislos. Warum bloss? So schlecht war meine Quote gar nicht! Da, schon wieder eine! Und da! Suchend blickte ich mich um. Ach, das Fahrerfenster war offen. "Matt!?" Fragend schaute er mich an. "Klimaanlage?" "Was?" rief er zurück. "Klimaanlage!" rief ich nun etwas lauter. "Nein, so ist es schon ok", wand Jo ein. Matt schaute uns beide erwartungsvoll im Rückspiegel an. "Sunny, du weißt doch, dass ich diese blöden Air Conditioners nicht ertrage", drehte sie sich um und schaute mich an. Jack drehte sich nun ebenfalls um, "ja, ausserdem sind diese nicht gut für die Gesundheit", toppte Jack Josephines Kommentar. Hey, was mischte sich dieser Feriengast hier ein? "Stimmt, ich habe mal in der Cosmopolitan einen Artikel darüber gelesen betreffend Vor- und Nachteile von klimatisierten Räumen." Monique war sichtlich stolz darauf, dass sie zu diesem Thema etwas beisteuern konnte. Bald schon war eine rege Diskussion über Klimaanlagen, Umweltverschmutzung und Regenwald im Gange. Allen Voran Jack. Dieser Typ wurde mir immer unsympatischer, Jo hingegen schien ihn immer mehr anzuhimmeln. Was sie bloss an diesem Typen fand?

Ach ja, das Fenster blieb offen. Matt warf mir via Rückspiegel einen entschuldigenden Blick zu. Toll, jetzt wurde ich zu allem übel auch noch bemitleidet. Ich schnappte mir meinen Diskman, suchte eine bequeme Stellung und beobachtete die vorbeiziehende Landschaft.

Hatte Matt mir da im Rückspiegel gerade zugezwinkert? Unauffällig schaute ich nochmals nach Vorne. Doch nichts dergleichen wiederholte sich. Hoch lebe meine Fantasie! Welle! Wieso hat mich das so aus dem Konzept gebracht? Langsam döste ich weg. Dies geschah unweigerlich. Habe mir das auf den früheren Trekkingtouren angewöhnt, um den chronischen Schlafmangel zu kompensieren. In diesem Dämmerzustand schwirrten mir die wirrsten Dinge durch den Kopf. So zum Beispiel Chris und Monique, da hatten sich zwei gesucht und gefunden. Zu meiner Schande musste ich jedoch gestehen, dass mir Chris optisch immernoch gefiel, er jedoch wie gesagt leider sehr gut zu Monique passte. Plötzlich erschien mir Peggy welche sich auf den armen Matt stürzte und ihn anfing mit Haupt und Haar zu verschlingen, wie diese, ich glaube Königsanbeterinnen heissen diese Tierchen, welche ihre Männchen nach der Geschlechtspaarung zu verspeisen genügten. Wäre schade um Matt, er ist ganz nett, so richtig kumpelhaft. Heldenmässig versuchte ich ihn vor Peggy zu erretten. Diese jedoch kannte kein Pardon, fesselte mich an einen Baum und liess mich zusehen, wie sie Matt verführte. Mir brach der Angstschweiss aus. Auf einmal begann der ganze Baum sich zu bewegen.... "Sunny! Hey Sweety, aufwachen!" Durch ein sanftes Schütteln wurde ich unsanft aus meinem Traum gerissen. "Iss ihn nicht auf!" "Was? Wer soll wen nicht aufessen?" "Hm?" "Hey Guapa, aussteigen, Shopping Time." Ich blickte in zwei wunderschöne, aber auch sehr traurige Augen. In diesem Moment hatte ich wirklich das Gefühl, dass die Augen bei dieser Person das Portal zur Seele waren. "Ok, komme ja schon." "Nur keinen Stress, habe die anderen bereits vorgeschickt. Ich glaube ich muss wirklich vermehrt einen Blick auf dich haben. Wir hätten dich beinahe vergessen." Wieso wundert mich das nicht? Eine Augenbraue hochziehend schaute Matt mich an. "Wie meinste das?" "Wie meine ich was? Lass mich erst mal aus diesem Teil krakseln." Matt kam zur Seitentüre des Vans und half mir galant heraus. "Oh, mein persönlicher Ritter." Ich wurde doch jetzt nicht tatsächlich rot? Mist! "Immer zu ihren Diensten, Mylady." "Echt! Immer? Hm, das muss ich mir merken." "Hey, ihr seid ja gar nicht weiter. Wir warten auf euch, wie bestellt und nicht abgeholt." Peggy schob sich zwischen Matt und mich. Weg war die undefinierbare Vertrautheit. "Kommen ja schon", erwiderte ich und hüpfte los Richtung Lebensmittelladen. Matt und Peggy folgten mir in gesittetem Abstand. "Na Schlafmütze, alles klar?" Jo kam auf mich zu. "Naja, hatte grad so was Nettes geträumt, aber darauf möchte ich lieber nicht näher eingehen. So wegen psychischen Schadens etc. Du, du scheinst ja recht interessiert zu sein an diesem Jack. Was ist denn an ihm so speziell?" Ein verschmitztes grinsen zierte ihr Gesicht. "Kein Kommentar." "Warum?" "Einfach" "Super, und jetzt?" "Nichts", Jo setzte ihr bezauberndstes Lächeln auf. "Toll!" "Gell." Ich verzog mein Gesicht. Jo grinste. "RIP." Das war so ein Running Gag zwischen ihr und mir. Jedesmal wenn ein Gesprächsthema beendet ist, rippen wir dieses. "Echt? Wenn du meinst." So langsam trieb sie mich zur Weissglut. "Also, sag was du zu sagen hast oder lass es. Ich mein, du tust ja grad so, also ob du Keanu Reeves getroffen hast." Platsch, ein Becher voll Flüssigkeit war auf den Boden gefallen. Verdutzt schauten wir uns um. "Hey Jack, jaja, so ein Becher Kaffee kann von Zeit zu Zeit verdammt schwer sein", Schadenfreude ist doch die schönste Freude. Dieser Kommentar verstärkte noch seinen geschockten Gesichtsausdruck. "Hey, alles klar?" einen besorgten Gesichtsausdruck habend begab sich Josephine wieder zu Jack. Also ich glaube von meiner Freundin werde ich in den nächsten Tagen wohl nicht viel haben. Schade, aber wenn sie glücklich ist, solls so sein. "Achtung, ich bins, nicht schlagen", rief Matt bevor er den noch freien Arm um meine Schultern legte. Den anderen hatte er um Peggy gelegt. "Du bist schon ein Glückpilz", meinte ich so zu ihm. "Weshalb?" "Zwei Frauen für dich alleine", erwiderte ich und zwinkerte ihm zu. "So gehört sich das auch. Ich als Tourleader kriege nur das Beste. Was meinst du, aus welchem Grund ich diese Touren führe?" Er lächelte Peggy und mich spitzbübisch an. Oh mein Gott, ich sterbe, Tod, RIP, Hilfe! Ah, oh, stimmt ja, Blicke können nicht töten, noch nicht. Schreck lass nach! Danke. Hey, also Peggy hat echt ne Meise locker, oder zwei oder drei. Ich mach doch gar nichts, kein Grund mich zu töten. Wenn sie Matt will, soll sie ihn haben. Mit diesen Gedanken wand ich mich aus Matts Umarmung und begab mich zu den anderen. Das erste gemeinsame Einkaufen war absolut chaotisch. Nichts haben wir gefunden, alle redeten durcheinander und am Schluss hatten wir gewisse Sachen doppelt eingekauft. Aber Spass hatte es alleweil gemacht. Wir kamen jedoch zu dem Entschluss, dass zukünftig ein genauer Plan her musste. Matt entschuldigte uns, dass dies halt eben schon immer so gewesen sei, für ihn sei es jedes Mal sehr amüsant, die Gruppenteilnehmer bei ihrem Einkaufsverhalten zu beobachten, was ihm einen vernichtenden Blick von uns einheimste. Heimlich hatte er uns bereits in Kochgruppen eingeteilt. Immer zwei zusammen. Super, dann hat er mich sicherlich mit Peggy eingeteilt. Was konnte schlimmer sein? Die würde das Gemüse zu Tode quasseln anstatt zu kochen und wenn Matt sich damit gut versteht, es alternativ mit Blicken töten. Naja, ich würde es überleben. Doch es traf mich schlimmer. Matt hatte uns wie folgt eingeteilt: Jo mit Chris, Peggy mit Jack, welcher fleissig miteingebunden wurde sowie ich mit Monique. Oh, das würde er mir büssen! Die Lebensmittel verstaut begaben wir uns endlich zu unserem ersten Campground. Schmollend sass ich wieder auf der Rückbank im Van, diesmal begleitet von Monique, welche mich mit möglichen Kochvorschlägen überhäufte. "Ja weißt du, oder wir könnten doch gegrillten Fisch mit Bratkartoffeln und blanchierten Karrotten..." Ich bringe ihn um... "Mousse au Chocolat." "Wie bitte? Mousse au Chocolat? Monique, ich glaube kaum, dass wir hier die Zutaten für ein Mousse au Chocolat finden werden und falls doch, wäre das andere Problem wie zubereiten, und dann auch noch Frischhalten etc. Ich glaube, da müssen wir Abstreichungen vornehmen." Beleidigt starrte sie mich an. "Wenn du meinst. Dann mach einen besseren Vorschlag." Trotz des engen Sitzverhältnisses schaffte sie es ihre Beine irgendwie galant übereinander zuschlagen. "Also ich bin da eher für eine einfache Küche, zum Beispiel Teigwaren, Reis, Kartoffeln, etc. wie es mit grillieren aussieht weiss ich nicht, kommt vermutlich auf den Zustand des Campingplatzes an. Jedoch wenn wir in der Wildnis sind, ist dies nicht mehr möglich und ich schätze, dass es dann kalte Küche geben wird. Ich mein, ich habe keine Lust mit unserem gekoche sämtliche Raubtiere, ob Gross oder Klein, anzulocken und sie an unserem Abendessen teilhaben zu lassen." "Wie Wildniss? Und wieso können wir nicht grillieren? Ich mein, jeder Campingplatz hat eine Feuerstelle, habe ich gehört." "Also primär, nein, nicht jeder Campingplatz hat eine Feuerstelle, ich mein, als ich zum Beispiel in Alaska war, dort kreierten wir unseren eigenen Grill. Dann kam es noch darauf an, ob man überhaupt ein Feuer entfachen durfte, so wegen Waldbrandgefahr etc. Schliesslich will ich nicht dass es in den Nachrichten heisst, 'Fahrlässige Trekking Gruppe löschte Regenwald von Costa Rica aus' nur weil wir die lokalen Vorschriften nicht beachtet haben." Ihre Augen wurden gross. "Weiterhin stand auch im Prospekt, dass wir nicht immer auf einem Campingplatz übernachten würden", ihre Augen wurden noch grösser, "sondern in der freien Wildnis. Je nach dem wie gut wir mit diesem landgängigen Vehikel diese teilweise doch recht unwegsamen Strassen passieren können. Sollte etwas Unplanmässiges geschehen, reicht es nämlich nicht unser Ziel zu erreichen." "Ich dachte, dies habe jeweils bedeutet, dass wir in einem Hotel übernachten werden?" Verneinend schüttelte ich den Kopf. "Nö, tut mir leid, dann hast du das falsch interpretiert. Aber wird nur halb so schlimm sein, genau aus diesem Grund habe ich ja diese Tour gebucht. Ich will Natur pur erleben, fernab von all dem Wohlstand, den wir Menschen nur als allzu selbstverständlich hinnehmen." Ihre Augen drohten aus dem Kopf zu springen, doch ich redete ungehindert weiter, "ausserdem freue ich mich darauf, ein paar von den wildlebenden Tieren zu sehen wie Krokodile, Raubkatzen, Affen, Vögel, etc." Schwärmerisch erzählte ich weiter und weiter nicht bemerkend dass Monique wieder ihre roten Flecken auf dem Gesicht bekam und sie nahe einer Herzattacke war. So sass sie da, und ich redete und redete. Endlich mal jemand, der mir zuhörte. Spät am Abend erreichten wir endlich den Campingplatz und unter Instruktionen von Matt stellten wir unsere Zelte auf, beginnend mit dem Mosquitozelt. Dann machte sich Matt daran, uns ein Abendessen zuzubereiten, unter mithilfe von Peggy. Jo und ich scherzten umher, unter kräftiger Beimischung von Jack. Ich gestehe, so unsympatisch war er gar nicht. Aber so ganz geheuer war er mir immer noch nicht. Das Warum konnte ich aber nicht beantworten. Anyway, ich war mich gerade am beklagen über mein hartes Schicksalslos als Partnerin Monique bekommen zu haben, worauf die anderen natürlich genüsslich rumhakten, als wir auf einmal der regen Diskussion zwischen Chris und Monique gewähr wurden. Plötzlich kroch Monique aus dem Zelt und begab sich zu einem kleinen Häuschen, welches als lokales Haupthaus angepriesen wurde. Chris hingegen kam auf mich zu. "Können wir reden?" "Aehm, klar?" fragend blickte ich ihn an. Er jedoch erwiderte nichts, packte mich am Arm und schleppte mich zu ein paar Baumstümpfe, welche am anderen Ende des Camping Platzes standen. Hilfesuchend blickte ich zu Jo und Jack. Diese jedoch standen genauso ratlos da wie ich es war. Ausser Hörweite der anderen begann Chris mit seiner Inquisition. Was mir einfalle, seinem Mäuschen solche Angst einzujagen, wie ich es wagen konnte, so respektlos zu sein, wer ich glaube zu sein, ich solle mich gefälligst bei ihr entschuldigen etc etc. Erstaunt und geschockt liess ich die Tirade über mich ergehen, nicht fähig, auch nur ein Satz herauszukriegen. "Wer glaubst du eigentlich, dass du bist, um so mit mir und meiner Freundin umspringen zu können! Das wird Konsequenzen haben, darauf kannst du Gift nehmen! Du weißt nicht auf wen du dich da eingelassen hast." "Hey, jetzt mal langsam Chris. Um was genau geht es hier überhaupt!" Wo lag das Problem? Ich hatte absolut keinen Durchblick mehr. "Du hast Monique erzählt, wie gefährlich und schlimm es hier sei und dass wir von wilden Tieren befallen werden! Wir kämen nicht lebend von diesem Trip zurück! Warum tust du sowas, bist du eifersüchtig, dass sie mit jemandem wie mir zusammen ist? Mein Mausi hat eine fragile Seele, man darf doch nicht mit einem Vorschlaghammer auf sie los!" Böse funkelte er mich an. "Aber hallo, also sowas hab ich überhaupt nicht gesagt. Wie kommst du bloss auf solch einen absoluten Stuss!" "Lüg mich nicht an, ich weiss doch dass ihr sie alle belächelt und als blondes Dummchen abstempelt!" Grob schüttelte er mich. "Hey, was soll der Scheiss!" So langsam wurde ich wütend. "Lass mich sofort los! Ich kann nichts dafür dass deine Freundin solch eine Mimose ist! Ich habe weder was von Lebensgefährlich gesagt, noch bin ich eifersüchtig auf sie noch besitze ich einen Vorschlaghammer! Wenn du sie nicht im Griff hast oder sie unter falschen Tatsachen zu dieser Reise überzeugt hast, ist das nicht mein Fehler. Damit musst du ganz alleine fertig werden. Also hör auf mich für irgendetwas verantwortlich machen wofür ich nichts kann." Damit versuchte ich ihn abzuschütteln. "Du musst jetzt gar nicht versuchen, dich herauszureden!" "Hallo, was ist hier los?" Matt kam mit den anderen im Schlepptau zu uns herüber. Mein Ritter! "Nichts", Chris liess mich los und lief davon. "Alles klar? Was ging den hier ab?" "Nichts, alles ok." Ich war zu wütend um mit irgendjemand zu reden. Was viel diesem eingebildeten Dösel ein?! "Sunny, hey Sunny, warte!" Jo lief hinter mir her. "Was sollte das ganze vorhin zwischen dir und Chris?" sie schaute mich besorgt an. Ich versuchte mir die vereinzelt herunterkullernden Tränen des Zorns wegzuwischen. "Der hat doch tatsächlich geglaubt, ich habe versucht, seine Freundin einzuschüchtern. Dabei hab ich gar nichts gemacht. Ich hab ihr doch nur vorgeschwärmt, wie toll dieser Trip werden wird. Und jetzt das. Woher sollte ich wissen, dass die das gleich in den falschen Hals kriegt und einen auf Panik macht?" Nun rollten die Tränen erst recht. "Hey Hübsche, nimm dir das nicht so zu herzen, das kommt schon wieder. Vielleicht sollten wir mit den beiden nochmals gemeinsam reden. Wir können das schon wieder hinbiegen." Jo nahm mich in den Arm. "Jo, irgendwie habe ich das Gefühl, dass diese Reise gar nicht so verläuft wie ich mir das erhofft habe. Irgendwie komme ich mir so überflüssig vor. Ach, immer mache ich alles falsch." "Aber Schnuffel. Stimmt doch gar nicht. Ich mein, was würde ich ohne dich machen." "Du hast Jack." Verdutzt schaute Jo mich an. "Wie meinst du das?" "Ach, nichts. Ich komm mir halt einfach wie das fünfte Rad am Wagen vor. Ich mein, Chris und Monique, Peggy und Matt, du und Jack. Wer bleibt denn da für mich?" Ich tat mir wieder mal furchtbar selber leid. "Tststs. Was soll denn die Trübsinnblaserei! So kenn ich dich doch gar nicht. Ausserdem bin ich überhaupt nicht überzeugt, dass Matt und Peggy ein Paaring abgeben. Ich mein, so wie er dich anschaut." "Wer? Matt? Und jetzt? Peggy bringt mich um wenn ich ihm auch nur 5 cm zu nahe komme. Und auf noch einen Zickenterror hab ich ehrlich gesagt keine Lust." Josephine grinste mich an. "Ach Süsse, du machst dir wieder mal viel zu viele Gedanken. Lass es doch einfach auf dich zukommen. Aber jetzt erst eins nach dem anderem. Zuerst müssen wir das mit Chris und Monique regeln. Komm." Sie zog mich hinter sich her. Bei der kleinen Hütte trafen wir die beiden, welche wieder einmal in ein Streitgespräch vertieft. "Hallo ihr beiden. Ich glaube hier hat es ein ganz böses Missverständnis gegeben und wir zwei sind jetzt hier, dieses zu bereinigen. Schliesslich haben wir noch vier volle Wochen vor uns die wir zu überbrücken haben. Wäre schade für uns alle, wenn dies durch so etwas gestört wird." Verdutzt schauten die beiden Jo an. Sie war einfach spitze. Wie konnte sie bloss immer alles so haargenau auf einen Nenner bringen. "Hm, wenns sein muss", pikiert schaute Monique zu mir hin. Meinen Mut wieder findend begann ich. "Also wenn ich dir mit meiner Schwärmerei für diese Reise irgendwie zu nahe getreten sein sollte, tut es mir leid. Dies war absolut nicht meine Absicht. Ich bin manchmal vielleicht etwas zu enthusiastisch und hab dabei keine Rücksicht auf dich genommen." Ich erntete einen bewundernden Blick von Chris. "Das kann jede sagen. Du hast mir bewusst Angst einflössen wollen von wegen wilde Tiere welche uns verspeisen und vom ausgesetzt sein in der Wildnis." "Entschuldige Monique, aber ich glaube da hast du etwas missverstanden. Ich habe gesagt, dass wir manchmal nicht immer auf einem Campground übernachten werden, weil die Strassen hier unberechenbar sind und wir deshalb eventuell länger brauchen oder woanders als geplant übernachten müssen. Von ausgesetzt werden in der Wildnis habe ich kein Wort erwähnt. Wegen den wilden Tieren, hey, wir sind hier in Costa Rica, da muss man damit rechnen, dass einem mal ein Krokodil begegnet oder dass eine Wildkatze um unser Camp schleicht. Genauso wie man in Alaska damit rechnen muss, einem Grizzlybären zu begegnen. Dass wir jedoch von ihnen verspeist werden habe ich mit keinem Wort gesagt. Nur, dass wir entsprechende Vorsichtsmassnahmen treffen müssen. Wie überall wenn man Offroad reist." Chris und Jo wechselten einen Blick. Was ging hier vor. "Also das was Sunny sagt, leuchtet mir ein", bekam ich Unterstützung von Jo. "Dies stand aber ja auch alles so im Prospekt und wir wurden beim Reisebüro nochmals extra darauf hingewiesen, dass wir sehr rustikal reisen werden." Monique zog einen Schmollmund. Hilfesuchend blickte sie ihren Freund an. Der war sich zwischenzeitlich gar nicht mehr sicher, wem von beiden er glauben sollte, was ihm deutlich ins Gesicht geschrieben stand. "Ja, jetzt fall du mir auch noch in den Rücken. Wie kannst du bloss. Zuerst überredest du mich, dich auf diesen Trip zu begleiten, weil du mal von all dem Rummels Hollywoods wegkommen wolltest und jetzt das. Und mein Mousse au Chocolat darf ich auch nicht machen. Dabei ist es das einzige was ich wirklich gut kann." Verdattert blickten wir drei Monique an. Ging es etwa darum, dass ich ihr gesagt habe, dies sei eine absolut absurde Idee? Das kann doch nicht wahr sein! "Aber Mäuschen, wie kommst du jetzt auf Mousse au Chocolat?" "Na ich habe Sunny im Bus meine Vorschläge unterbreitet was wir für euch kochen könnten, doch als ich das Mousse au Chocolat erwähnte, hat sie einen Lachanfall bekommen und gemeint ich spinne." "Wie bitte?" warf ich ein. "Ok, du hast gesagt, dass man das hier nicht zubereiten kann." "Tschuldigung, aber damit hat meine Freundin ja auch recht. Oder kannst du mir verraten, wie du dies hier kreieren willst?" Jo musste ihrerseits nun ein lachen unterdrücken. "Siehst du Schatzi, auch sie macht sich über mich lustig." Moniques Augen wurden wässrig. Chris verstand die Welt nicht mehr. "Aber Mäuschen, ich weiss ja dass du ein super gutes Mousse au Chocolat zubereitest. Aber in diesem Punkt muss ich den beiden Recht geben." "Ja, aber all meine anderen Vorschläge hat sie auch einfach abgetan." "Monique, das stimmt leider schon wieder nicht ganz, du hast mich gefragt, was ich zubereiten würde und ich erwiderte, dass ich mich eher an einfache Gerichte halten würde wie etwas mit Pasta, Reis oder Kartoffeln als Hauptnahrungsmittel. Ich habe deine Vorschläge nicht abgewimmelt, höchstens darauf aufmerksam gemacht, dass gewisse Dinge sich hier mit einem Gasgrill nicht unbedingt eignen. Aber schau, machen wir es so. Du scheinst ja kochmässig einige gute Ideen drauf zu haben. Ich mein, das mit dem Fisch hat schon lecker getönt, vielleicht einfach nicht ganz so wie du dir das vorgestellt hast. Machen wir einen Deal, du bringst die Vorschläge, und ich sage, ob diese so durchführbar sind oder nicht oder ob wir diese allfällig leicht abändern müssen. Und wenn das mit euch ok ist, schlage ich ebenfalls vor, dass wir am Ende dieser Reise uns von dir ein Mousse au Chocolat herzaubern lassen. Schliesslich sind wir ja dann wieder in dem Hotel und ich glaube ja schon, dass die in der Küche mit sich reden lassen. Einverstanden?" Fragend blickte ich in die Runde. Hey, ich hab meine Diplomatie wieder gefunde. Heureka! Von Jo und Chris erntete ich ein zustimmendes Kopfnicken. Monique war sich da hingegen noch nicht so sicher. Sie konnte doch nicht so schnell aufgeben, die beleidigte zu spielen. Bevor sie jedoch was gegenteiliges sagen konnte übernahm Chris die Wortführung. "Also in meinen Ohren tönt das sehr viel versprechend. Finde ich eine ausgezeichnete Idee. Schatzi, freu mich jetzt schon auf dein Mousse." Mit beiden Händen rieb er sich über den Bauch. "Von dem vielen Reden übers Essen wurde ich richtig hungrig. Kommt, lasst uns zu den anderen zurückgehen und schauen, was Matt da zusammengebraut hat." "Stimmt, mein Magen knurrt auch schon ganz fürchterlich. Monique, du musst mir dann unbedingt zeigen, wie du dein Mousse zubereitest. Bin schon lange auf der Suche nach einem tollen Rezept. Aber leider hat der Naked Chef diesbezüglich noch nichts Vernünftiges gezeigt." Jo begann Monique in ein Gespräch zu verwickelt. "Oh, du kennst Jamie Oliver auch?" Und los zogen die beiden. Ich wollte mich gerade anschliessen, als ich erneut von Chris zurück gehalten wurde. "Aehm, Sunny, aehm." "Ja?" "Schau, das wegen vorhin, aehm, es tut mir Leid. Ich war wohl etwas zu voreilig in meiner Anschuldigung. Aber, aehm." Jetzt wurde er tatsächlich rot. Aber er soll schon noch ein bisschen schmoren. Schliesslich werde ich noch einen blauen Flecken wegen seines Griffs davon tragen. "Ja?" "Du gedenkst es nicht mir einfach zu machen, was?" "Nö." "Hast ja Recht. Ich hab mich wie ein Arschloch benommen, ohne all die Fakten zu kennen. Dabei sollte ich ja wissen, dass Monique gerne übertreibt. Es ist nur so, unsere Beziehung steht auf der Kippe und mit dieser Reise wollte ich uns wieder näher zusammen bringen." "In dem dass du sie in den Jungle schleppst? Also ich will euch ja nicht zu nahe treten, aber ich glaube nicht, dass sie wirklich der Typ dafür ist." "Täusch dich nicht. Ich weiss, sie kann sich echt Tussenhaft benehmen, aber in Wirklichkeit ist sie voll lieb. Sie kennt es leider nur nicht anders. In dem das wir diese Reise unternehmen. wollte ich ihr zeigen, dass es nicht nur Glamour und gekünstelte Menschen gibt, und dass sie sich nicht ewig zu verstellen braucht." "Wieso, ich mein, in Los Angeles gibt es auch ‚normale‘ Menschen. Hab ein paar solche kennengelernt." "Ja schon, aber nicht in den Kreisen in denen wir verkehren." "Und die wären?" "Showbusiness." "Dachte ich es mir doch. Na, da wollen wir sehen, ob diese Beziehung zu retten ist. Darf ich dir dann gleich mal einen Tipp geben?" "Sicher, bin froh um jeden Hinweis den ich kriegen kann." "Behandle sie wie einen normalen Menschen. Sag ihr zwischendurch auch mal die Meinung und red mit ihr nicht wie mit einem Kleinkind." "Ja, ich weiss ja, aber es ist manchmal ganz schön schwer jahrelang eingeübtes von heute auf morgen abzulegen." "Ok, dann werde ich dich jeweils darauf aufmerksam machen." "Deal. So und nun lass uns essen gehen, sonst bleibt uns dann nur noch der Abwasch." Der Rest des Abends verlief ohne grössere Zwischenfälle. Früh begaben wir uns in unsere Zelte. Schliesslich hatten wir für morgen ein gröberes Programm vor uns.