Enthüllungen

Wieder zurück in der Schlucht. "Ich glaube, wir werden ein bisschen hierbleiben müssen." "Sieht ganz so aus." Jack blickte mich an. "Und, wie geht’s dir?" "Abgesehen dass ich mit einem unrasierten Mann, welcher dringend einen Haarschnitt nötig hätte sowie einem kaputten Knöchel in einer Höhle aus Schutt festsitze? Glaube es geht ganz gut. Und selber?" "Ja. Kann mich bis jetzt nicht beklagen. Ich glaube sogar, dass ich es besser getroffen habe, schliesslich bist du frisch rasiert und die langen Haare stehen dir toll. Ausserdem habe ich keinen kaputten Knöchel." Wir lächelten uns an.

Der Felsvorsprung hatte uns das Leben gerettet. Dank seiner Formation hatten wir das Glück nicht komplett von dem uns umgebenden Schutt eingeschlossen worden zu sein. Unser Gefängnis war brunnenmässig angelegt, nur dass wir uns unglücklicherweise auf dessen Grund befanden. Wir hatten eine Art Vorplatz, bevor die Wand aus Steinen und Geröll sich zu erheben gedachte. Hoch über uns sahen wir blauen Himmel. Immerhin mussten wir so nicht damit rechnen, erbärmlich zu ersticken. Ich fragte mich jedoch, wie wir hier je wieder herauskommen sollten.

"Oh mein Gott!" Plötzlich wurde ich kreidebleich. "Was ist?" "Jo, was ist mit ihr, hat sie es geschafft rechtzeitig aus der Schlucht herauszukommen?" Meine Beine begannen sich wie Gummi anzufühlen. Ich musste mich irgendwo abstützen. "Sunny, sie hat es sicherlich geschafft. Wir waren ja schon eine ganze Weile dort und du weißt ja, sie ist flink und schnell wie ein Wiesel. Ich mache mir um sie keine Sorgen." "Wie kannst du dir da so sicher sein? Ich mein, sie hätte irgendwo ausrutschen können und," ich wurde von Jack unterbrochen, "schhhhh. Denk nicht daran. Hör auf schwarz zu malen. Das kannst du immer noch wenn du Gewissheit hast. Und solange glauben wir beide einfach fest daran, dass es ihr gut geht." Sanft wischte er eine meiner Tränen weg. "Ich wünschte ich könnte das so einfach, aber", erneut unterbrach er mich. "Kein Aber, kein Wenn, es ist einfach so." Er kam zu mir hin, nahm mich in den Arm und hielt mich einfach fest. Gosh, genau das was ich jetzt brauchte. Ich liess mich an seine Schulter fallen. Dies fühlte sich so gut an. Auf einmal machten sich andere Gedanken und Gefühle als jene der Sorgen, Kummer und Schmerzen in mir bemerkbar. Wie konnte ich in solch einer Situation bloss an so etwas denken. Ich erzitterte.

"Oh, dir ist kalt, wie nachlässig von mir. Wart, ich geb dir eine Jacke von mir." Damit liess er mich los und kroch unter den Felsvorsprung, unter dem noch unser Gepäck lag. Endlich wieder einen klaren Gedanken fassen zu können, war ich froh, dass Jack dies glücklicherweise falsch interpretiert hatte, auch wenn mir jetzt beim darüber nachdenken tatsächlich etwas kalt war. Es kam nicht viel Wärme in unseren Brunnenschacht und die feuchte, modrige Erde tat ihr übriges, die Temperatur niedrig zu halten. So wartete ich darauf, dass Jack wieder unter dem Fels hervor kam. Doch nichts dergleichen geschah. "Jack?" keine Antwort. "Jack?" diesmal etwas lauter, doch wieder war mein Atem das einzige, was ich hörte. Panik begann in mir hochzukriechen. Ich hatte das alles bis jetzt nur so gut überstanden, weil ich nicht alleine war. Ich kroch nun ebenfalls unter den Felsen. Kein Jack, verschwunden, weg! Hysterie machte sich in mir breit. Ich spürte, wie das Atmen schwerer wurde. Ich kroch wieder hervor. Ich hasste enge dunkle Plätze. Ich kroch weg vom Felsvorsprung und drückte mich an die gegenüberliegende Schuttwand. So verharrte ich da, schwer atmend, kreideweiss im Gesicht."Sunny! Sunny!" Jack schüttelte mich. Langsam kam ich zu mir. "Wo warst du" schrie ich ihn an. Überrascht blickte er mich an. Mit solch einer Reaktion hatte er nicht gerechnet. "Ich hab eine Höhle gefunden. Mit dir soweit alles klar? Gibt es da etwas, das ich wissen sollte?" Konnte Jack meine Gedanken lesen? "Nein, ja tschuldige, aber ich habe leichte Klaustrophobie", mein Atem begann sich langsam wieder zu normalisieren, "ausserdem war einfach zuviel. Ich dachte, du wärst verschwunden, hättest mich alleine gelassen." "Und wie bitte schön sollte ich das anstellen?" er setzte sich neben mich. "Hier, die Jacke." Dankbar nahm ich diese an. Als ich sie angezogen hatte, nahm Jack mich erneut in den Arm. Sofort begann mein Herz wieder unregelmässig zu schlagen, dieses Mal jedoch aus einem anderen Grund heraus. Wieso kam es nur, dass ich so heftig auf ihn reagierte. Ich mein, er hatte mich bis jetzt nie sonderlich interessiert, einerseits, weil ich ihn als Störenfried ansah, doch vor allem, weil er für mich Tabu war. So wie Jo den anhimmelte, musste es sie ja kräftig erwischt haben. Ausserdem war er doch gar nicht mein Typ. Ich mochte frisch rasierte, vielleicht mit einem sogenannten Dreitagesbart, die Haare durften schon etwas länger sein, aber nicht länger als meine, er könnte ruhig auch etwas kräftiger gebaut sein. So wie Matt, fügte ich in Gedanken hinzu. Deshalb war mir nie der Gedanke gekommen. "Sunny, willst du mir nicht erzählen, was dir so durch den Kopf geht?" Ich errötete. "Lieber nicht." "Weshalb?" "Einfach", ich grinste ihn an. "Ausserdem sind wir hier im Zeitalter der Gleichberechtigung, also Gentlemen first." "Ok, du wolltest es so. Also ich hab mir nur gedacht, dass ich grosses Glück hatte." "Glück? Und dann auch noch grosses?" "Ja, stell dir vor ich wäre mit Monique hier." "Hm, ja, das hat etwas. Nur, du kennst mich ja gar nicht wirklich, vielleicht bin ich ja heimlich auch so ein Typ wie sie?" herausfordern blickte ich ihn an. "Ich glaub schon, dass ich dich kenne." "Ah?" "Ja, Jo hat so die ganze Zeit über von dir geschwärmt und erzählt, dass ich mir, so glaube ich zumindest, ein ganz gutes Bild von dir erstellen konnte." "Oh", war alles was ich darauf erwidern konnte. Jo hat ihm von mir vorgeschwärmt? Ich musste dringendst mir ihr reden, wenn wir je wieder zusammen finden sollten. Sie konnte doch nicht an einem Typen interessiert sein und dann ständig von jemand anderem erzählen. Ich hoffe bloss, ihr ging es gut und sie war ok. "Sunny, hör auf, ihr geht es gut." "Wie bitte?" "Jo ist ok. Sie hat es überlebt." "Wie kannst du dir da so sicher sein?" Erneute Zweifel stiegen in mir auf. Jack drückte mich. "Wir kommen hier heraus und du wirst deinen Enkelkindern noch von diesem Abenteuer erzählen und mit ihr über das Erlebte sinnieren." "Jack? Sag mal, woher weißt du eigentlich immer, was mir so durch den Kopf geht? Ist schon richtig unheimlich." "Gleiche Seele gleiche Gedanken." Darauf wusste ich nichts zu erwidern.

Nachdem wir uns eine ganze Weile angeschwiegen hatten, löste ich mich aus seiner Umarmung, was mir sehr schwer viel. "Ich glaube wenn ich noch weiter hier sitze, werde ich zum Eisblock. Ich dachte wir seien in den Tropen und nun das. Hast du nicht kalt?" "Jetzt schon." Seine Augen funkelten mich eigenartig an. "Was macht dein Knöchel?" "Ich glaube, die Pause hier war genau nötig um ihn etwas zu beruhigen." "Zeig her", und schon schnappte er sich mein Bein. Sanft zog er mir den Schuh aus, dann die Socke. Dann begann er professionell den Fuss abzutasten. Ich musste mir auf die Zähne beissen, um nicht laut zu schreien. "Sieht nicht gut aus, aber ich glaube nicht, dass er gebrochen ist. Am besten ist, du lässt ihn vorläufig etwas an der frischen Luft." Er begann den Fuss erneut mit Lehm einzureiben. "Zu blöde aber auch, und ich dachte, wir könnten eine Runde Fussball spielen gehen." "Naja, Hockey wäre mir lieber gewesen." Habe ich schon erwähnt, dass Jack ein umwerfendes Lächeln hat? Wenn er nur endlich diesen blöden Bart abhauen würde, sähe er aus wie, "wie Keanu Reeves." "Wie bitte." Jack Gesicht wies einen geschockten Ausdruck aus. "Wie Keanu Reeves", wiederholte ich. "Was?" "Dein Lächeln." "Wie kommst du jetzt darauf?" "Ich weiss nicht", erstaunt über mich selber schüttelte ich den Kopf, "na, hm, also wir hatten es von Spiele spielen, dabei kam mir Jo in denn Sinn und ihre Spielerei, weiter wanden sich meine Gedanken, ich landete bei ihrem jüngsten Hobby, mir Filme zu rezitieren, in welchen Keanu Reeves mitspielte und jetzt dein lächeln. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass wenn du lächelst wie Keanu aussiehst?" "You are crazy!" "Nein, ich meine es ernst. Hättest du deine dunkle Haare kürzer geschnitten", ich musterte ihn von oben bis unten. Ich begann wie ein Regisseur sein Gesicht in dem rechteck zu bewundern, wenn du Zeigefinger auf Daumen hälst. Wieso war mir das nicht früher aufgefallen? "Postur und Grösse würden auch hinkommen." Jack blickte mich fasziniert an. "Ja, weiter." "Du würdest sicherlich viel Geld damit machen." "Und was soll ich damit anfangen?" "Eine Bergbahn bauen in unsere romantische Schlucht zum Beispiel." "Du spinnst." "Ja, hat dir Jo das nicht gesagt?" "Nein, nur angedeutet, aber ich dachte nicht dass sie damit recht haben könnte." "Weshalb nicht?" "Einfach." "Tolle Antwort." "Ja, nicht wahr." Ich verdrehte meine Augen, Jack war eindeutig zu oft mit Jo zusammen.

Der Elefant bewegte sich wieder einmal von meiner Leitung. Nein, das konnte doch nicht sein. War das möglich? Ich schaute Jack an, nein, oder doch? Ich musste es riskieren, auch auf die Chance hin, dass ich mich absolut lächerlich machte. "Keanu, kannst du mal deine Haare hinten zusammennehmen?" "Klar." Jack bemerkte seinen Faut-pas. Abwartend schaute er mich an. "Tatsächlich, der Elefant ist wieder mal von meiner Leitung gestiegen." "Ich merke es." Verlegen und schüchtern lächelte er mich an. "Oh man, da reise ich mit dir rum und bemerke es nicht mal. Was für ein Fan bin ich bloss?!" Theatralisch verwarf ich meine Hände. "Genau die Sorte die ich mag." Er zwinkerte mir zu. "Jetzt ist mir auch klar, weshalb Jo ihr ganzes Wissen über dich zusammengekratzt hat und mir dauernd solche Anspielungen vortrug. Voll peinlich meinerseits. So wie ich sie kenne, hat sie dich auf den ersten Blick erkannt, trotzt deines, hm, wie soll ich es galant ausdrücken, deines Landstreicher auftreten? Stimmts oder hab ich recht. Deshalb habt ihr euch auch gleich so gut verstanden. Du hast ihr sicherlich das Versprechen abgeluchst, nichts zu sagen. So wie ich sie kenne muss sie beinahe geplatzt sein, um dieses einzuhalten." Jack, aehm Keanu grinste mich an. "Ja, schliesslich wollte ich kein grosses Aufhebens um meine Person machen. Aus diesem Grund reiste ich Inkognito. Ich will nicht, dass mir die Medien auf Schritt und Tritt folgen. Ich brauche diese Auszeiten von Zeit zu Zeit und wie könnte ich diese sinnvoller einsetzen, als unserer Umwelt einen Dienst zu erweisen" "Und dann triffst du so auf eine Schweizerin, welche dir deine schönen Pläne über den Haufen wirft. Auf der anderen Seite, wer rechnet schon damit, mit einem Star quer durch den Regenwald zu reisen." "Ich bin kein Star." "Ok, mit einer Berühmtheit." "Auch keine Berühmtheit." "Hm, also doch, würde ich schon behaupten. Ich meine, erwähne mal in einem vollen Raum deinen Namen und dann meinen Namen. Ich glaube, ich gewinne die Wette wenn ich behaupte, auf deinen erfolgen mehr aahhhs als auf meinen." "Ok ok, ich geb mich geschlagen." Nun lächelte er wieder. "Und was jetzt?" "Wie und was jetzt? Muss ich dich nach einem Autogramm fragen?" Nun war es an ihm, die Augen zu verdrehen. "Du meinst, ob es etwas zwischen dir und mir ändern wird?" "Ja." "Ausser dass ich zur Zeit nicht genau weiss, wie ich dich ansprechen soll, wüsste ich nicht was. Oder siehst du das anders?" "Nein, und du kannst mir sagen wie du möchtest. Ich reagiere auf beide Namen." "Gut, glaube würde mich vermutlich eh die ganze Zeit verquatschen." In dem Moment liess mein Magen ein lautes Knurren von sich hören. Darauf erfolgte von uns beiden ein gelöstes Lachen. Doch nicht für lange. Schnell wurde uns bewusst, dass wir das nächste Problem in den Angriff zu nehmen hatten. Ausser unserem Proviant hatten wir hier in unserem Gefängnis nichts zu essen.

"Sunny, ist es für dich ok wenn ich mich auf mache die Höhle zu erkunden? Vielleicht kann ich ja etwas brauchbares finden." Besorgt blickte er mich an, zurückdenkend an den Anfall den ich zuvor gekriegt hatte. "Ungern, aber ja. Melde dich einfach von Zeit zu Zeit, damit ich weiss, dass du noch hier bist. Ich kann es nicht ausstehen, wenn ich zulange alleine in einem geschlossenen Raum sein muss." Keanu wartete auf weitere Erklärungen, als die jedoch nicht folgten, drückte er mir einen Kuss auf die Stirn, meinte er sei bald zurück und kroch unter den Felsvorsprung. Ich hingegen beschäftigte mich damit, dass ich begann, die beiden Wasserflaschen zusammenzuschütten, und mit der leeren mich auf Regenfang begab.