Die Höhle

Ich gab den erfolglosen Versuch Wasser zu sammeln auf. Ausserdem war unklar, ob das Wasser, welches die Wand herunter ran überhaupt geniessbar war und wir nicht schlussendlich an einem Infekt ums Leben kamen. So setzte ich mich wieder hin und dachte über die Situation nach. Wow, ich war in einer Schutthöhle mit Keanu Reeves gefangen. Erst so langsam sickerte das ganze durch. Wow wow wow. Ich begann mich langsam wie ein ausgeflippter Fan zu benehmen. Ich mein, jeder andere würde viel Geld zahlen, um in meiner Position zu sein und mir viel diese einfach so in den Schoss. War ich nicht ein Glückpilz? Und er schien mich sympatisch zu finden. Einfach unglaublich. Meine Gedanken schweiften ab, in Richtungen, die ich hier lieber nicht erwähnen möchte.

Nachdem ich dieses Thema für mich ausführlich erortert hatte, stellte ich fest, dass Keanu immer noch abwesend war. Dieser war sicherlich schon seit mindestens einer Stunde in dieser Höhle. Langsam ergriff die Panik wieder besitz von mir. Blöde Klaustrophobie. Ich musste mich irgendwie beschäftigen. Sollte ich mich selber mal aufmachen und in die Höhle kriechen? Was wenn Keanu sich unterwegs nun seinerseits verletzt hätte und nur darauf hoffte, dass ich ihn errettete? So begann ich langsam meinen lädierten Fuss in die Socke zu manövrieren, füllte diesen wieder mit feuchter Erde auf, half übrigens wirklich, und kroch unter den Felsvorsprung. Gerade als ich so halb darunter war, vernahm ich Geräusche. "Keanu?" "Ja, wen hast du den erwartet?" "Santa Claus." "Zu früh, sorry, musst dich noch ein wenig gedulden." "Toll, Geduld war noch nie meine Stärke." Ich kroch wieder zurück. "Dann bleibt dir nichts anderes übrig, als dich mit mir zufrieden zu geben." "Na wenn’s sein muss." Grummelte ich. Da endlich konnte ich seinen Kopf ausfindig machen. "Ui, wie siehst du denn aus? Hat dir deine Mami nie gesagt, du sollst dich nicht beschmutzen? Hast du die ganze Höhle mitgenommen?" "Wie bitte?" Nun war er komplett hervor gekrochen und begann, sich so gut es ging von dem Dreck zu säubern. "Genau das meinte ich, aber ich schätze mal, das was du da tust ist ein sinnloses unterfangen." Skeptisch blickte er zuerst mich, dann sich an, bevor er mir nickend zustimmte. "Und einen Ausweg gefunden?" Hoffnungsvoll blickte ich ihn an. "Nein, leider nicht, dafür Wasser. Ist doch auch etwas. Ach ja, und noch etwas interessantes, aber das werde ich dir morgen zeigen. Für heute bringt es nichts mehr. Komm, lass uns in die Höhle gehen. Erstens ist sie grösser als dieses", er zeigte auf unseren Brunnenboden, "und wärmer ist es drinnen auch. Wir können sogar ein Feuer anzünden." "Ah, tönt verlockend." Ich begann die ausgebreiteten Utensilien zusammen zu lesen und stopfte sie alle in meinen Rucksack. Langsam folgte ich ihm. Tatsächlich war es eine grosse Höhle, welche einem sogar ermöglichte, darin zu stehen. "Komm hier hin." "Wohin? Du, ich glaube ich werde alt, meine Sehkraft ist nicht mehr ganz so optimal wie sie schon mal war." "Hahaha." Ich hab ja gesagt ich sei sarkastisch. "Also wart mal schön dort wo du jetzt bist." Dabei hatte ich vor, heute Abend auf einen Ball zu gehen, zu blöde aber auch. Ich vernahm wie er mit etwas raschelte, dann sah ich das aufblitzen eines Feuerzeugs, und schon bald brannte etwa fünf Meter von mir entfernt ein Feuer, welches die Höhle auszuleuchten begann. "Besser?" "Und wie." Erleichtert begab ich mich zu ihm. Erstaunt blickte ich mich um. Deshalb hatte er so lange benötigt. Keanu hatte bereits seinen Rucksack mit samt Inhalt ausgebreitet, Feuerholz gesammelt und eine Feuerstelle kreiert. "Hey, unsere neue Wohnung ist ja riesig. Ich dachte, es sei nur so ein, ein Loch, oder so." "Tja", spitzbübisch grinste er mich an, "für Madame ist mir nur das beste gut genug." "Bah, jetzt hab ich schon zwei Ritter. Jetzt fehlt ja nur noch der König." "Zwei Ritter? Wie meinst du das?" "Na, Matt ist doch mein Ritter Nummer eins und in dir habe ich jetzt den Ritter Nummer zwei gefunden." "Wie bitte, ich bin nur die Nummer zwei?" Keanu mimte den Beleidigten. "Immerhin bin ich hier." Kaum ausgesprochen bemerkte er seinen Fehler. Ich hingegen verfiel in schweigen. "Hey, Sunny, so war das nicht gemeint." Er kam zu mir rüber. "Weiss ich doch, aber gegen die Wahrheit ist kein Kraut gewachsen. Und wo du Recht hast, hast du Recht. Glaubst du, dass wir hier je wieder lebend herauskommen? Ich mein, wenn wir schon so spärlich den Himmel erblicken können, wie können die uns erst finden? Und den ganzen Schutt abtragen, unmöglich." Keanu legte den Zeigefinger über meine Lippen. "Hör auf dich in etwas hineinzusteigern." "Hineinsteigern? Bitte? Wir sitzen gute 10 Meter unter einem Haufen Schutt und Geröll begraben, ohne Aussicht hier irgendwie wieder herauszukommen und ich soll mich nicht in etwas hineinsteigern." Ich glaub ich begann leicht hysterisch zu werden. Ich wollte gerade wieder beginnen weiterzujammern als er mich küsste. Mein Mund klappte wieder zu. "Na, scheint zu wirken." "Was war dass denn?" "Ein Kuss." "Ja, das hab ich bemerkt, wofür war der?" Vielleicht kriegte ich ja darauf eine entsprechende Antwort. "Einfach." Ich klappte meinen Mund wieder auf, doch da ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte, schloss ich ihn wieder. Mein Gehirn war wie leergefegt. Plötzlich begann die Durchblutung meiner Adern und Venen wieder zu funktionieren. "Du kannst mich doch nicht einfach küssen? Und das erst noch aus keinem Grund heraus?" "Doch, ich habs eben getan. Und wenn es sein muss, täte ich es wieder." "Aber, aber", ich stammelte vor mich hin wie ein kleines Kind dass noch nicht alle Wörter beherrscht. "Schau, du warst nahe daran, hysterisch zu werden, und damit habe ich es zu verhindern versucht. Mit Erfolg, scheint mir." "Aber, aber", ich gab es auf, etwas Sinnvolles darauf erwidern zu wollen. "Oh, ok, ich verstehe." Ich verstand im Prinzip gar nichts und wenn der mich noch weiterhin so anstarrte, dann, dann würde ich ihn küssen. Ja klar, erwiderte die kleine Stimme im Hinterkopf. Doch, ich würde es tun. Während ich noch dieses Zwiegespräch mit mir führte, drehte Keanu sich von mir ab und nahm sich wieder dem Feuer an. "Übrigens, frisches Wasser findest du dort hinten. Wenn du mir eine der Thermosflaschen hast, werde ich die kurz auffüllen gehen." Ich reichte ihm meine Flasche.

Als Keanu 10 Minuten später wieder kam, hatte ich mich und meine Gefühle soweit wieder unter Kontrolle. Er reichte mir die aufgefüllte Flasche und gierig trank ich daraus. Wie gut sich dieses köstliche Nass anfühlte. Erst jetzt realisierte ich, dass ich seit Stunden nichts mehr getrunken habe. Wie immer wenn ich zu schnell zuviel trank, bekam ich einen Schluckauf, sehr zum Amusement von Keanu. "Wie geht es eigentlich deinem Knöchel?" "Soweit ganz" Hicks "gut, danke der" Hicks "Nachfrage." "Komm, lass mal sehen." "Nö, nö, ist schon gut" Hick, doch wie schon heute Nachmittag zog er mich einfach zu sich und begann vorsichtig den Socken wieder auszuziehen. Mein Fuss schimmerte zwischenzeitlich in allen Farben, soviel konnte sogar ich in dem Licht des Feuers ausmachen. Wieder tastete er ihn vorsichtig ab. "Du scheinst dich aber gut mit solchen Verletzungen auszukennen." "Na wie man es nimmt. In meinem Beruf muss man immer wieder mit kleinen Blessuren rechnen. Da ist es gut, wenn man sich damit etwas auskennt. Aber wenn ich ehrlich bin, bei deinem Fuss weiss ich nicht so recht wie schlimm die Verletzung ist. Ob nur Verstaucht oder ob auch allfällig entweder Bänder angerissen oder etwas Gebrochen ist." Ein besorgter Ausdruck schmückte sein Gesicht. Super, das gab mir ja wieder unglaublich vertrauen in die ganze Angelegenheit. Keanu zog mich näher zum Feuer um das ganze noch aus einer anderen Perspektive betrachten zu können. "Hey, deswegen musst du ihn nicht gleich verbrennen." "Und was soll ich denn sonst zu Abend essen?" "Wie wärs damit?" Ich warf ihm ein paar Bisquits an den Kopf. Gekonnt fing er diese auf. Nach unserem luxuriösen Abendessen ging er nochmals die Wasserflaschen auffüllen. Anschliessend begaben wir uns zu Bett. Herrlich, der unebene Steinboden war ja so was von bequem, mein Fuss schmerzte wieder einmal höllisch bei der kleinsten Bewegung und trotz des Feuers fror ich mir beinahe den Arsch ab. Und neben mir schnarchte es bereits.

Nach diversem hin- und herrollen gab ich es endlich auf, und ich kroch wieder zum Ausgang der Höhle. Ich benötigte dringend etwas frische Luft, wenn man dem so sagen kann. Im Brunnenschacht angekommen, lehnte ich mich wieder an die Mauer und blickte in den Sternenhimmel. Immerhin war mir dies nicht genommen. Ob Jo jetzt wohl auch die gleichen Sterne anschaut wie ich? Bitte lass sie es geschafft haben. Meine Augen begannen sich mit Tränen zu füllen. Ein Gefühl von absoluter Hoffnungslosigkeit breitete sich in mir aus. Nie wieder würde ich sie sehen, nie wieder meinen geliebten kleinen Hund knuddeln können. Nie wieder meine Liebsten in die Arme nehmen. Wie würde meine Mutter mein dahinscheiden aufnehmen? Bitte lass sie stark sein, betete ich wieder zu meinem unsichtbaren gegenüber. Nicht, dass ich wirklich gläubig war, aber in solch einer Situation war alles besser als nichts. Tränen rannen mir nun unkontrolliert das Gesicht hinab, ich konnte sie einfach nicht mehr zurückhalten. Nie wieder würden wir hier lebend herauskommen. Ich bemerkte gar nicht, wie kühl es hier draussen war, während mir all diese tristen Gedanken durch den Kopf rotierten. Der Sternenhimmel zog wieder seine Aufmerksamkeit auf sich. Eine Sternschnuppe flitze vorbei.

Von mir unbemerkt war Keanu auch aus der Höhle gekrochen. Wortlos setzte er sich neben mich und nahm mich in die Arme, wiegte mich tröstend hin und her. Er verstand genau, was in mir vorging, da ihn die gleichen unsicheren Gedanken quälten. Doch einer von uns beiden musste der Stärkere sein, und irgendwie hatte er diese Rolle freiwillig übernommen. Langsam viel ich endlich in einen unruhigen schlaf während er mich nach wie vor schützend festhielt. So verharrten wir bis die ersten Morgenstrahlen in unser Loch hinein schienen. Erst dann liess er mich los und schaute mich fragend an. Ich nickte unmerklich und wir krochen wieder in unsere Höhle. Beide völlig übernächtigt verfielen wir sogleich trotz all der Unannehmlichkeiten eng aneinander geschmiegt in einen tiefen Schlaf. Nichts bekamen wir mit, was sich draussen ausserhalb unserer kleinen Welt abspielte, vernahmen nicht den Hubschrauber, welcher draussen nur wenige 100 Meter über unserem Gefängnis hinweg flog.