Der Reporter
Peggy war diese Nacht nicht nach Hause gegangen. Den Typen, welchen sie nach Abtransport von Chris durch Matt angelacht hatte, spendierte ihr einen Drink nach dem anderen und es war nun ihre Zeit, betrunken zu werden. Je mehr intus sie hatte, desto mehr erzählte sie dem Mann von dem bisher erlebten und weshalb das ganze Dorf in solch einer Aufregung umher rannte. Von ihr unbemerkt hatte der Fremde alles was sie sagte aufgezeichnet. Nach gut einer Stunde entschlossen sich die beiden, zu ihm in sein kleines Hotelzimmer zu gehen. Was dann passierte, bleibt den beiden vorenthalten.
Chris erwachte am nächsten morgen mit dem übelsten Hangover den er seit Jahren erlebt hatte. Von seiner Freundin war weit und breit keine Spur. Gut so, er hätte ihr Gemeckere heute Morgen eh nicht ertragen. Er durchwühlte die Essboxen nach Kaffee und setzte die Kanne auf. Gesellschaft überhaupt war ihm widerwärtig zum aktuellen Zeitpunkt. Er musste sich erst einiger Dinge klar werden. Speziell jene, die seine Freundin Monique betrafen. Konnte er sich so in einem Menschen getäuscht haben. War das alles wahr was sich hier abzeichnete? Der Wasserkessel begann vor sich hinzupfeifen, aber er nahm dies gar nicht wirklich zur Kenntnis. "Schatzi, willst du dir nicht endlich den Kaffee einschenken? Und wenn du schon dabei bist, hier ist meine Tasse. Ich muss jetzt erst mal duschen gehen und dir würde ich das auch wärmstens empfehlen." Und schon war sie wieder weg. Konsterniert blickte er ihr hinterher. Ungläubig starrte er ihr hinterher. Was gab es da noch überhaupt zu überlegen? Fragte er sich selber. Monique war ein egozentrisches kleines Biest welche die Wahrheiten immer nur so drehte, wie es ihr passte. Wäre sie auch bei ihm geblieben, hätte er kein Geld geerbt? Hatte sie vielleicht davon gewusst? Seine Gedanken schweiften zurück vor fünf Jahren. Damals hätte ihre Beziehung schon einmal beinahe geendet doch unverhofft kam er zu unerwartetem Reichtum durch das Erbe seines Grossonkels und erstaunlicherweise war dann plötzlich wieder alles in Ordnung. Chris schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Wie konnte er nur so Blind gewesen sein.
"Guten Morgen", wurde er plötzlich auf Englisch angesprochen. "Haben sie schon irgendwelche Neuigkeiten über ihre vermissten Freunde?" "Wie bitte? Wer sind sie? Was geht sie das an?" Chris schaute den Typen an, der so unerwartet bei ihrem Camp aufgetaucht war. Vor ihm stand ein Mann Ende zwanzig, frisch rasiert, blonde Haare welche er Millimeter kurz geschnitten hatte, so dass sie fast weiss schimmerten. Seine stahlblauen Augen blickten ihn neugierig an, einen gewissen Ausdruck von Faszination und Jagdgier ausdrückend. "Sie sind ein Reporter, stimmst." "Sieht man mir das so klar an?" "Ich kenne eure Sorte nur zu genüge. Täglich habe ich mit euch zu tun." "Ach ja? Und sie sind?" "Das geht sie nichts an. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, was wollen sie?" "Ich habe vernommen, dass es in ihrer Gruppe ein Unglück gegeben hat und dass zwei Mitglieder ihrer Truppe immer noch vermisst werden. Ich wollte sie fragen, ob man schon eine Spur von ihnen gefunden hat und was sie mir zu den beiden erzählen können." "Wenn sie etwas wissen möchten, wenden sie sich bitte an den Einsatzleiter, vielleicht kann dieser ihnen weiterhelfen. Zu der zweiten Frage ‚Kein Kommentar’, das ist eine Privatangelegenheit und wenn sie etwas über die beiden Vermissten wissen möchten, fragen sie sie wenn sie wieder bei uns sind. Schönen Tag noch." Chris wendete sich ab und begann nun endlich seinen Instant-Kaffee aufzubrühen. Der Reporter wendete sich mit einem verschmitzen lächeln von Chris ab und begab sich wieder Richtung Dorf. Er hatte nicht wirklich damit gerechnet, irgendwelche hilfreichen Informationen aus Chris Matthews herauszubekommen. Natürlich wusste er wer er war. Wer kannte ihn nicht? Einer der bedeutendsten Nachwuchsmodeschöpfer von Los Angeles. Vielleicht traf er ja irgendwo seine Freundin Monique. Die wäre sicherlich redseliger, war sie schon immer und wird sie immer sein. Zu seinem unbeschreiblichen Glück traf er beide, Monique und Peggy in der Bar von gestern Abend. Er drücke Peggy flüchtig einen Kuss auf die Wange und wandte sich dann direkt an Monique. "Sie müssen Monique sein, ich habe schon viel von ihnen gehört und es ist mir eine Ehre sie endlich persönlich kennen zulernen." Galant nahm er ihre Hand und hauchte einen Kuss auf deren Rücken. Monique errötete leicht während Peggy das ganze erstaunt und mit hochgezogener Augenbraue zur Kenntnis nahm. "Und wer sind sie, wenn ich fragen darf?" "Das ist Martin Sommer, wir haben uns gestern Abend hier in der Bar getroffen." Peggy wollte die Verhältnisse sofort geklärt haben. Martin bemerkte den Missmut von Peggy. Ach wie hasste er eifersüchtige Frauen. Doch sie waren nun mal die besten Informationsquellen. Er legte den Arm um Peggys Schultern, welche diese wieder beruhigte und spendierte den beiden Frauen eine Tasse Kaffee. Dann begann er unauffällig die beiden nach den Tourmitgliedern auszufragen. Anscheinend war beiden von ihnen nicht bewusst, mit welch einer Berühmtheit sie diese Tour teilten. Und genau diese schien jetzt hoffnungslos unter tonnenweise Schutt begraben zu sein. Und er hatte die Story exklusive. Kein anderer der ihm diesen Ruhm nehmen würde. Vielleicht würde er damit endlich seinen beruflichen Durchbruch schaffen, nein sicher sogar. Er musste sich ein hämisches Grinsen verkneifen. Er würde alles tun dafür, und gestern Nacht hatte damit schon begonnen.