Abschied
Zurück im Dorf begrüsste uns Chris. Nachdem mein Knöchel provisorisch vom Dorfarzt behandelt worden war kam Chris zu mir. "Sunny, es tut mir unendlich leid was geschehen ist. Ich weiss nicht wie ich das je wieder gut machen kann." Er fiel wortwörtlich vor mir auf die Knie. "Warum denn? Du hast doch nichts damit zu tun?" Erstaunt blickte ich ihn an. Mir war gar nicht mehr wohl in meiner Haut. "Na weil doch wegen Monique es überhaupt soweit gekommen ist. Hätte ich sie nicht dazu überredet, mit auf diese Reise zu kommen, im Prinzip hätte ich schon vor Jahren diese Pharse, welche wir Beziehung nannten, beendet hätte, dann, dann.." Er verfiel in tiefes Schweigen. "Chris, hey Chris, schau mich an." Er blickte hoch. "Du konntest doch nicht wissen, dass deine Freundin so egoistisch handelt. Ausserdem, um ehrlich zu sein, ich glaube sie wäre zu dumm um auf solch einen Plan zu kommen. Ich schätze, da hatte eine andere Person das Sagen. Sie war bloss so naiv und dumm um dem Folge zu leisten. Weiterer Mangel, ich schätze auch nicht, dass sie in ihrem Handeln ein Fehler sieht. Sie ist zu egoistisch dafür. Anyway, was für mich aber ganz klar ist, dass du nicht Schuld an dem Ganzen hast. Ich hoffe bloss für dich, dass du etwas daraus gelernt hast." Erwartungsvoll blickte ich ihn an. "Ja, ich hab diese erbärmliche Beziehung beendet. Ach Sunny, du weisst nicht wie wichtig mir das ist. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen und ich weiss nicht, ob ich mir das je verziehen hätte." "Sunny, wenn du je etwas brauchst, ich bin immer für dich da." "Danke Chris, das ist sehr lieb von dir, aber nicht nötig." "Doch, wenigstens darauf bestehe ich." "Na wenn du meinst, aber erwarte nicht, dass ich das je einlöse." Er umarmte mich stürmisch, dann verliess er das Zelt.
Kaum allein betrat Matt mein provisorisches Krankenbett. "Hey Kleine. Man, ich hab ja voll versagt." "Warum denn?" "Na weil ich ja wusste dass ich eigentlich auf dich besser aufpassen sollte und dann rannte ich so schnell davon, dass du gar nicht mehr nachkommen konntest und nun, tja, der Rest ist bekannt? Hat Keanu gut auf dich aufgepasst? Wie geht es dir?" "Hey hey, nicht so schnell." Ich lächelte ihn an. Warum war er nur so verdammt süss? "Matt, schau, wenn ihr langsamer gelaufen wärt, vermutlich hätte das Ganze eine andere Wendung genommen und ihr hättet unter Umständen ebenfalls verschüttet werden können. Ja, Keanu hat gut auf mich aufgepasst", sehr sogar, dachte ich heimlich, "und wie es meinem Knöchel geht, na das weisst du vermutlich besser als ich." "Ja, weiss ich in der Tat. Der Arzt meinte, dass deine Bänder gerissen seien und dass der sofort operiert werden sollte." Na toll, das auch noch. "Aber zum Glück hätten sie ja noch den Hubschrauber hier welcher dich und Jo in das Spital von San José fliegen würde." Immerhin etwas. Mist aber auch. Heute blieb mir auch gar nichts erspart. Schon wieder begann mir eine Träne runter zu kullern. Warum weiss ich nicht, aber ich schätze mal es war die Anspannung der letzten paar Tage, die sich nun bemerkbar machten sowie die eben von Matt verkündete Hiobsbotschaft. "Hey Sunny, ist doch alles nicht so schlimm, du bist in Sicherheit und das mit dem Fuss kriegen die in San José auch wieder hin. Er setzte sich zu mir auf mein Liegebett und nahm mich liebevoll in den Arm. Trost suchend kuschelte ich mich an ihn. Mit seinem Finger wischte er mir die Tränen weg. "Komm schon, ich kann es nicht ertragen, eine Frau weinen zu sehen."
Von uns beiden unbemerkt betrat Keanu das Zelt. Verdutzt blieb er stehen. Was ging hier ab? Ein missmutiger Blick verunstaltete sein Gesicht.
"Ach Matt, ich bin ja so froh, dass du da bist", schniefte ich an seine Schulter. Es tat gut, einfach nur gehalten zu werden. Meine Gedanken rasten so schnell, dass ich eigentlich nichts erfassen konnte. Ich wusste nur, dass ich jetzt Zeit für mich brauchte, um mit allem erst mal klarzukommen. Wenn ich dabei eine Schulter zum anlehnen habe, bin ich sicherlich nicht unglücklich dabei. "Du weisst, ich bin dein Ritter. Leider habe ich bis jetzt ganz schön versagt in dieser Funktion, aber wenn du willst, werde ich mich gerne versuchen zu verbessern." Er lächelte mich an, ich lächelte zurück, Keanu räusperte sich. "Hey Keanu, schön dich wieder unter uns zu haben." Matt stand auf und klopfte ihm auf die Schulter. "Wie geht es dir?" "Gut. Wärst du so nett und würdest du mich einen Moment alleine mit Sunny lassen?" Matt schaute mich an, auf mein Kopfnicken hin, weiss auch nicht wie der sich bewegt hatte, stand er auf. "Na dann wird ich schauen ob Jo schon alles gepackt hat damit du so schnell wie möglichst ins Spital kommst." Er verliess das Zelt.
"Was sollte das eben bedeuten?" "Was denn?" "Na eben, das, dieses halt? Ich wusste nicht, dass du doppelspurig zu fahren gedenkst." "Wie bitte, was meinst du mit Doppelspurigkeit?" Ungläubig blickte ich ihn an. "Na du und Matt." "Was ich und Matt? Da ist nichts. Wie kommst du jetzt auf diese absurde Idee? Nur weil er mich im Arm hielt? Oh come on Keanu, traust du mir so wenig Feingefühl zu?" "Na, also wenn man euch zwei so gesehen hat, da kommen einem schon bestimmte Gedanken." "Also bitte! Wie kannst du es wagen. Er war einfach hier als ich jemandem zum Anlehnen gebraucht habe, sozusagen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort." "Ach nennt man das jetzt so", das war weniger eine Frage als eine sarkastische Feststellung. "Hör auf mit diesen Unterstellungen. Wieso flippst du eigentlich ab einer einfachen Umarmung so aus?" "Ja was erwartest du denn jetzt von mir?" "Nichts, ehrlich gesagt. Ich meine, nur weil wir..., also was ich sagen will, aehm, ok, also ich mein, der Sex war wunderschön, und du bist ein wahnsinns lieber Typ, aber eine Zukunft hat das alles nicht", erwiderte ich. "Du glaubst also, dass ich einfach nur aus einer Laune heraus mit dir geschlafen habe? So im Stil von, ich weiss nicht ob ich hier lebend herauskomme also popp ich halt nochmals jemanden durch und da du grad da warst, hat es eben dich erwischt?" Eins zu Null für Keanu, genau dies ging mir so im Prinzip durch den Kopf. Und es stimmt doch auch, also soll er sich nicht so anstellen.
"Oder vielleicht war es, dass du dir dachtest, dass es endlich Zeit würde deine Jungfräulichkeit zu verlieren, und das hier und jetzt wäre der perfekte Ort dazu. Vermutlich war es so verlockend einen richtigen Star vernaschen zu können, dass du erst hinterher an die Konsequenzen gedacht hast. Oh man, ich bin ja schon der grösste Idiot der hier herumrennt." Ehrlich gesagt, Unfähig ein Wort zu erwidern liess ich die Tirade über mich ergehen.
"Aber jetzt ist mir alles klar, ich bin wieder einmal mehr auf ein hübsches Gesicht hereingefallen. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du eine verdammt gute Schauspielerin bist? Ich glaubte dir echt deinen Gefühlsausbruch danach!" Wütend drehte er sich um. Er war doch wohl nicht eifersüchtig? Endlich erwachte ich aus meiner Starre. Auch ich war jetzt wirklich wütend. Wie konnte er es wagen! Diese Unterstellungen. Ich bin kein Flittchen wie er mich darstellt! Doch bevor ich etwas erwidern konnte, betraten Jo, Matt, der Arzt und der Kommandant, welcher die Suchaktion geleitet hat das Zelt. Ausser Jo schien hier niemand etwas von dem Streit zwischen Keanu und mir festgesteltl zu haben. Diese schaute von ihm zu mir und wieder zurück, erhielt aber keine Antwort. Ohne ein weiteres Wort an die Anwesenden zu richten verliess Keanu das Zelt. Matt kam wieder auf mich zu. "So Guapa, Zeit zu gehen. Der Helikopter ist frisch aufgetankt, euer Zeug verstaut, auf geht’s." Er half mir von der Liege runter und unterstützt von ihm und dem Arzt humpelte ich zum Hubschrauber. Suchend blickte ich mich um, aber von Keanu keine Spur. Na dann soll er halt bleiben wo der Pfeffer wächst! Der konnte mich mal!
Dafür stürmte ein anderer Herr auf uns zu. "Eine Minute bitte, sie sind doch sicherlich Sunny?" "Wer sind sie?" fragte Matt zurück. "Ich bin Martin Sommer. Ich habe mich mit Peggy angefreundet und sie hat mir von dem Unglück erzählt." Mein Gesicht verfinsterte mich als ich diesen Namen hörte. "Ich wollte sie nur fragen, wie es ihnen so geht? Ist alles in Ordnung? Es ist ja so gut zu hören, dass jemand solch ein Unglück überlebt hat." Oh Gosh was war der für ein Heuchler! Meine Galle kam mir hoch. "Ja vielen dank der Nachfrage, alles klar. Schönen Tag noch." Ich drehte mich wieder um und wir drei schauten, dass wir weiterkamen. Eine halbe Stunde später schwebten Jo und ich über den Regenwald hinweg Richtung San José. Matt hatte versprochen nachzukommen sobald alles geregelt war.
Jo sprach mich an. "Sag mal, was hatte das vorhin zwischen dir und Keanu zu bedeuten?" "Nichts", erwiderte ich grummelig. "Ja klar, erzähl das jemand anderem aber nicht mir." "Ich mag jetzt nicht darüber reden." "Das akzeptier ich nicht, also, erzähl jetzt, was ist los." Jo liess nicht locker. "Ach lass mich doch einfach in Ruhe", fuhr ich sie an. Wenn Blicke töten könnte, hätte ich eben meine beste Freundin umgebracht. Stumm schaute ich wieder aus dem Helikopter hinaus. Ich hatte kein Auge mehr für die wunderschöne Landschaft die sich uns so farbenfroh wie der Regenbogen darbot. So vieles ging mir durch den Kopf. Eine Reise die so toll begonnen hatte musste in solch einer Tragödie enden, gefühlsmässig wie alles andere. Aber vermutlich war es eh besser so. Erleichterte den Abschied ungemein, lügte ich mir vor. Jo sass schweigend und beleidigt neben mir. Sie wusste, dass es zur Zeit keinen Sinn gemacht hätte, wenn sie versuchen würde, jetzt irgendwelche Informationen aus mir herauszukriegen. Das etwas nicht stimmte, das war nur allzu klar, nur wusste sie noch nicht was. Doch der Zeitpunkt würde kommen.