San José
3 Stunden später erreichten wir die Hauptstadt von Costa Rica, wo wir im Spital schon erwartet wurden. Unverzüglich wurde ich zum Röntgen gebracht, während Jo vom schweizerischen Botschaftsattachée empfangen wurde. Dieser hatte zwischenzeitlich alle Einzelheiten geregelt und für meine Freundin ein Hotelzimmer unweit des Spitals gebucht.
Wieder gut eine Stunde später lag ich im OP und wartete darauf, dass das Narkosemittel zu wirken begann. Langsam wurde es dunkel um mich herum zu werden, als ich schlussendlich davon driftete.
Irgendwann im Laufe des Tages erwachte ich wieder. Mein Unterschenkel war durch einen schönen Gips verziert und die übrigen Kratzer waren gesäubert und verpflastert worden. In meinem Zimmer lag noch eine weitere Person, welche sich jedoch nicht um mich kümmerte und dem Fernsehprogramm aufmerksam folgte. Ansonsten war niemand weiteres in dem Zimmer. Schön, ich kämpfte um mein Überleben und jetzt als endlich alles vorbei war ist niemand anwesend. Ok, ich geb ja zu, dass ich nicht wirklich ums überleben gekämpft hatte aber trotzdem. Wo war Jo bloss? Und Matt, konnte er schon alles geregelt haben und war auf dem Weg hierher? Keanu? Nein, das Thema mochte ich im Moment nicht durchdenken. Wie konnte er mir nur solche Unterstellungen vorwerfen? Ich schlaf doch nicht mit Jedem. Klar, belastet hat es mich schon seit längerem immer noch Jungfrau zu sein und das mit nun bald beinahe 30 Jahren, aber das? Das hat er nur gesagt, weil er ein Star ist und etwas auf sich hält und nun bemerkt hat, was für einen Fehler er getan hatte. Doch ich empfand es eigentlich nicht als Fehler, so etwas schönes konnte doch nicht falsch sein! Cabron!
Während ich mit mir selber am diskutieren war betrat von mir unbemerkt Jo das Zimmer. Leise setzte sie sich neben mich und musterte meine Gesichtsmimik. "Also, sag schon, was belastet dich." Erschrocken, dass plötzlich jemand neben mir war fuhr ich sie zuerst einmal an. "Wo warst du!" "Draussen, Kaffee trinken. Die Aerzte konnten mir nicht sagen, wie lange es noch dauern würde, bis du aufwachst." "Hat er wengisten geschmeckt?" grummelte ich sie an. Jo zog nur eine Augenbraue in die Höhe. "Ja, so und jetzt sag mal, was dich wirklich beschäftigt. Das hat nämlich nichts mit dem Kaffee zu tun."
Verdammt, wieso musste sie mich auch immer so direkt durchschauen? Richtig unheimlich. Da ich mir jedoch selber nicht darüber im klaren war was ich fühlte und ich nicht der Typ bin, der jedem gleich alles erzählt, schwieg ich erstmal. Jo blickte mich abwartend an. Als ich nach ein paar Minuten immernoch schwieg hakte sie nach. "Ach Jo, lass mich doch einfach in Ruhe, nichts ist vorgefallen, nichts zumindest dass es zu erwähnen wert wäre." "Sunny, ich kenn dich, und das "nichts" das du so gerne zu erwähnen magst, kauf ich dir einfach nicht ab. Da ist schon mehr vorgefallen als das. Und wenn du mir nicht sagen willst ist auch ok, aber lass deine Launen nicht an mir aus, denn ich kann nichts dafür. Ich will dir ja schliesslich nur helfen." Ach, wie ich diese Märtyrer hasste. "Ok, dann sag ich halt, ich mag nicht darüber reden, wenn dir das weiterhilft!" "Sunny, nicht in dem Ton bitte." "In welchem Ton?" ich hatte mich jetzt so richtig gehend schön in Rage geredet. Schliesslich wollte Josephine wissen, was los sei. Selber schuld. Doch auch Jo wurde nun langsam ärgerlich. "Genau in dem Ton. Man, dir scheint ja da mächtig was zu Kopf gestiegen zu sein." Wütend schüttelte sie den Kopf. "Ich versuch dir bloss zu helfen und du schnauzt mich an als ob ich alles verursacht hätte und es wegen mir sei, dass du dich so scheisse fühlst." Hey, wir hatten unseren ersten richtigen Streit, ging mir am Rande durch den Kopf. "Ich habe nie behauptet, dass es wegen dir sei, ich hab nur gesagt, dass da nichts sei, worüber ich reden möchte, aber du mit deiner fürsorglichen und bemutternder Art willst ja unbedingt alles wissen. Und nun wunderst du dich, dass es auch mal ein Thema gibt, über das ich nicht reden möchte. Jetzt sag mir mal, wer hier ein Problem hat?" In unserem Streitgespräch bemerkten wir nicht, dass sich mein Zimmergenosse eiligst aus dem Staub gemacht hatte, sodass wir nun den Raum ganz für uns alleine hatten.
"Du hattest Sex mit ihm", äusserte Jo, schlicht und einfach. Dies brachte mich zum schweigen und holte mich auf den Teppich zurück. "Ja, na und?" "Tja, das frag ich dich. Du bist schliesslich diejenige, die solch ein Trara darum macht." "Ich? Nein, ich wollte eigentlich überhaupt kein Trara darum machen, aber wenn du schon immer darauf rumhaken musst." Immer noch wütend drehte ich mich in meinem Bett um, zumindest versuchte ich es. "Musst dich jetzt gar ned abwenden wollen." "Also für mich ist das Thema gegessen." Jo schaute mich an. "Das glaubst auch nur du." "Ja, und das reicht schliesslich. Ich brauch jetzt etwas Ruhe und Erholung, wenn du mich jetzt alleine lassen könntest" erwiderte ich zuckersüss.
Jo blickte mich noch einmal an, sie konnte die Welt nicht mehr verstehen und ihre Augen wiesen einen verletzten Ausdruck aus. Doch ich konnte und wollte zum jetzigen Zeitpunkt nichts daran ändern. Verdrängen, das war momentan meine Devise.
Jo verliess den Raum. Am liebsten hätte ich ihr zugerufen, sie solle zurück kommen und ich wollte die Unstimmigkeit aus unserem Leben verdrängen. Doch mein Stolz und mein Egoismus liessen mich innehalten. Was musste sie sich auch immer in mein Leben einmischen. Eine Träne kullerte mir die Wange hinab.