Jo und Keanu
Jo war verletzt, sehr sogar. Sie hätte nie für möglich gehalten, dass zwischen Sunny und ihr je solch eine Streiterei möglich gewesen wäre. Und jetzt das. Was hatte sie bloss falsch gemacht, dass Sunny sie so anfuhr? Die letzten paar Tage waren die Hölle für sie und endlich wurde die geliebte Freundin wiedergefunden, servierte diese sie ab als wäre Jo nur jemand, der an Klatsch und Tratsch interessiert wäre und nicht am wohlergehen ihrer Freundin.
Frustriert verliess sie das Krankenhaus. Sie brauchte jetzt dringendst Zeit für sich. Zurück im Hotel verkroch sie sich auf dem Zimmer und weinte erst einmal ehe sie schlussendlich vor lauter Erschöpfung einschlief.
Jo wurde durch ein energisches Klopfen an der Türe geweckt. Müde und mit Kopfschmerzen öffnete sie dem Störefried. Überrascht stellte sie fest, dass Keanu davor stand. Müde sah er aus. "Darf ich reinkommen?" Jo trat zur Seite. Keanu liess sich aufs erste Bett fallen während er Josephine beobachtete, wie sie ihm folgte. "Wie geht’s dir?" fragte er sie. "Nicht gut. Und selber?" "Den Umständen entsprechend. Und was ist mit Sunny?" Keanu bemerkte sofort den schmerzvollen Ausdruck in Jo's Augen. "Was ist los? Ist etwas passiert?" "Ja und nein. Sie musste am Knöchel operiert werden, was soweit gut verlief." "Aber?" "Hmm, ich ähm", Jo wusste nicht recht, wie sie Keanu den Rest erzählen sollte. "Sie hat es dir gesagt, das wegen uns?" "Nicht direkt. Ach ich weiss auch nicht. Vielleicht würde es helfen, wenn ich deine Version hören könnte. Sunny hat mir nicht direkt gesagt, was genau vorgefallen ist, aber es scheint mächtig an ihr zu nagen." "Eigentlich ist nicht wirklich etwas vorgefallen." Keanu war es offensichtlich peinlich, darüber zu reden. "So, Sex scheint nicht wirklich was zu sein?" Nun errötete er. "Also nicht für mich. Well, nein, stimmt so nicht. Doch es ist natürlich schon keine Nichtigkeit, aber man kann auch viel Wind um nichts machen." Jo blickte ihn abwartend an. "Ok, dann erzähl ich dir mal was vorgefallen ist", somit begann er Jo von den letzten Tagen zu erzählen.
Nachdem er die Geschichte beendet hatte, blickte er Jo nun seinerseits abwartend an. Diese schien tief in Gedanken vertieft zu sein. "Hat dir das nun weitergeholfen? Du kennst sie schliesslich besser als ich." Jo schwieg immer noch. "Ich mein, jedesmal, wenn ich mit ihr Reden wollte, nachdem wir, ähm, miteinander geschlafen hatte, wies sie mich ab. Es scheint, als ob sie für uns beide eine Entscheidung getroffen hätte, an der ich nichts mehr ändern kann, darf." "Hmm, also es hat sicherlich geholfen, aber ehrlich gesagt, ich weiss trotzdem noch nicht, weshalb sie sich so benimmt. Es ist ja nicht, dass sie etwas Verbotenes getan hat oder etwas, wofür sie sich schämen müsste. Deine Geschichte hat mir keinen Anhaltspunkt geliefert, warum Sunny sich wie, entschuldige den Ausdruck, das letzte Arschloch benimmt." "Vielleicht sollte ich nochmals mit ihr Reden? Was meinst du?" "Also ich würde ihr jetzt erst einmal Zeit geben, das Ganze zu verarbeiten. Lass ihr noch ein zwei Tage Zeit das Geschehene zu verdauen. Ich hoffe, dass sie dann wieder zu Sinnen kommt. Ich mein, ist doch keine einfache Situation, und jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf solche Stressfaktoren." "Bist du sicher?" "Nein, aber es ist das, was ich machen werde. Auch wenn es mir schwer fällt." Jo bemerkte, wie sich ihre Augen erneut mit Tränen füllten. "Ach Kleine." Keanu stand auf und begab sich zu ihr. "Ich mein", schniefte Jo, "es tut nur so schrecklich weh, Sunny leiden zu sehen und ihr nicht helfen zu können." Keanu nahm sie in die Arme. "Hey, wie ich ihr schon immer gesagt habe, das kommt schon wieder ins Lot. Lassen wir ihr wie du gesagt hast, etwas Zeit das Geschehene zu verarbeiten und sie etwas zur Ruhe kommen zu lassen." Jo nickte nur. Sie war sich überhaupt nicht sicher, das richtige zu tun, doch ihren angespannten Nerven tat es sicherlich gut, sich etwas von den Strapazen der letzten Tage zu erholen.
"So, nun lass uns irgendwo einen Kaffee trinken gehen und etwas frühstücken. Was haltest du von der Idee Jo?`" "Sehr viel." Irgendwie hatte sie zwar keinen Hunger, aber wäre Sunny jetzt da, würde sie sie auch dazu zwingen, etwas zu essen. Kaffee war auf alle Fälle immer eine gute Idee. "Werde mich nur kurz duschen und frische Kleidung anziehen. Bin gleich ready." Jo verschwand im Bad. Keanu machte es sich auf dem Bett bequem. Zwanzig Minuten später stand Jo vor ihm, geduscht, leichtes Make Up aufgelegt und parat, die Stadt nach einem Kaffee abzuklappern. "Wow, ich habe es noch nie erlebt, dass eine Frau so schnell sein kann." "Ich bin auch ein Spezialexemplar." Jo lächelte ihn verschmitzt an. "Stimmt. Komm, auf geht’s." Er schnappte Jo's Hand und zog sie hinter sich aus dem Hotelzimmer, hinaus auf die belebten Strassen von San José. "Ich kenn hier ein ganz nettes kleines gemütliches Kaffee, das wird dir sicherlich gefallen." Keanu winkte ein Taxi herbei und sie machten sich auf zu seinem Geheimtipp.
Eine knappe Stunde später nach einer halsbrecherischen Fahrt durch die Hauptstadt Costa Ricas erreichten die zwei das Kaffee. Keanu schien hier bekannt zu sein, der er wurde von der einheimischen Besitzerin stürmisch begrüsst. Nachdem er Josephine mit Anna bekannt gemacht hatte, bekamen sie den besten Platz im Lokal. "Na, habe ich dir zuviel versprochen?" "Nein, keineswegs, das ist ein absolut genialer Ort. Wie bist du denn auf den Aufmerksam geworden? Bist du eigentlich oft hier? Wie bist du zu diesem Job gekommen? Ich mein, ist nicht gerade typisch für einen Hollywood Star." Keanu lachte. "Hey, das sind ja viele Fragen auf einmal. Lass mich eine nach der anderen beantworten. Doch als Anna den Kaffee und eine Spezialität des Landes als Frühstück servierte, setzte sie sich gleich mit an den Tisch und begann Keanu nach den letzten Geschehnisse der Umweltorganisation auszufragen. Als die zwei endlich wieder alleine waren, begann er Jo all ihre Fragen zu beantworten. So verbrachten die zwei den ganzen Tag zusammen, sich von den Ereignissen der vergangenen Tagen abzulenken, jedoch vor allem von Sunny. Keanu zeigte Jo die Stadt, stellte sie seinen Freunden vor und lud sie am Abend zu einem romantischen Abendessen ein. Wie schon zuvor auf der Reise, ging ihnen auch jetzt nie der Gesprächsstoff aus und es herrschte eine Harmonie zwischen den beiden, die ihnen selber gar nicht so wirklich auffiel, Aussenstehenden jedoch verdächtig nach dem Beginn einer Romanze erschien. Spät am Abend kehrten sie ins Hotel zurück und verbrachten dort noch Stunden in der Hotelbar, bevor Keanu Jo in den frühen Morgenstunden wohlbehütet in ihr Zimmer zurückbrachte.