Das Interview
Wütend wischte ich mir die Träne weg. Was sollte das alles? Warum musste sich jeder in mein Leben einmischen und mir sagen, was das beste für mich wäre? Wusste ich das nicht selber am besten? Lasst mich doch einfach alle in Ruhe!
Die Krankenschwester betrat das Zimmer, kam zu mir und blabberte etwas vor sich hin. Soviel zu meinen Spanischkenntnissen. Ich nickte nur und schon hielt sie ne Spritze in der Hand welche sie mir relativ unsanft verabreichte. Auf was hatte ich mich hier bloss eingelassen.
Kurz darauf bemerkte ich, wie sich sämtliche Körperglieder entspannten und eine wohliges und wattiges Gefühl mich erfasste. Mein Kopf schien zu schweben und ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich war schon beinahe am einschlafen, als es erneut an die Tür klopfte und ein Herr, der mir irgendwie bekannt vorkam, das Zimmer betrat. Hatte ich den nicht schon in dem kleinen Dörfchen gesehen? Wie hiess er nochmals. Sonntag? Nein, Winter. "Guten Tag, erinnern sie sich noch an mich? Martin Sommer, ich bin ein Kollege von Peggy." Ach ja, Sommer, ich wusste doch, es hatte etwas mit den Jahreszeiten oder so zu tun. "Ganz flüchtig." Ich mochte den Typen immer noch nicht. Was wollte er hier? Soll er doch zu seiner Peggy gehen und mich in meinem Medikamentenrausch alleine lassen.
"Ich dachte, wenn ich schon hier bin, komme ich sie kurz besuchen. Wollte mich erkundigen, wie es ihnen geht." "Wie sie sehen, lebe ich noch. Sonst noch was?" Herr Sommer schaute mich verdutzt an, ging aber nicht auf mein rüdes Benehmen ein. "Das freut mich." Er schnappte sich einen Stuhl und setzte sich neben mein Bett. Sieht also nicht so aus, als ob er schnell wieder verschwinden würde. Naja, ein bisschen Gesellschaft war ja im Prinzip nicht so schlecht. Ich versuchte, wieder einen einigermassen klaren Kopf zu bekommen.
"Ist das nicht unglaublich? Ich mein, dass sowas in der heutigen Zeit passieren kann?" "Was denn?" "Na, dass man so unbeschwert Urlaub macht und dann durch ein Unfall herhausfindet, dass man mit einem Weltstar irgendwo im Nichts gefangen wird." "Ach das, na so toll ist das auch wieder nicht. Kommt immer darauf an, ob man ein Fan von der gewissen Person ist oder nicht." "Stimmt auch wieder." Er lächelte mich an. "Dann sind sie also kein Fan von Mr Reeves?" "Na so würd ich das jetzt auch wieder nicht behaupten." Fragend blickte er mich an. "Wie ist das zu verstehen? Darf ich fragen, was vorgefallen ist?" "Dürfen schon, aber mit einer Antwort zu rechnen wären hohe Ziele." Nun mussten wir beide lachen. Ach, das tat gut. Ich kicherte wie blöd vor mich hin. "Sie sind unglaublich, Sunny, wissen sie das?" "Ja, das wurde mir die letzten paar Tage des öftern gesagt." "Das muss eine clevere Person gewesen sein." "Schon wieder Ansichtssache." "Sie sprechen in Rätseln." Ich zuckte nur mit den Schultern. "Aber sie wissen schon, dass sie einen wachsamen Schutzengel haben müssen. Ich mein, zuerst fallen sie den Hang hinunter nur um anschliessend in einer Schlammlawine verschüttet zu werden und alle Blessuren die sie davon tragen sind einen verletzten Knöchel." Und ein gebrochenes Herz. "Wie bitte? Was ist mit ihrem Herzen?" Ups, hatte ich das laut ausgesprochen? "Nichts, war nur laut gedacht." Wissend blickte er mich an.
"Jaja, diese Tour Guides. Ist sicherlich nicht das erste Herzen, das Matt gebrochen hat." "Wer sagt denn, dass ich von Matt spreche?" Ups, schon wieder verplappert. Das muss an den Medikamenten liegen. "Sunny, sie sehen aus, als ob sie mehr als nur ein gebrochenes Herz haben. Ich weiss, wir kennen uns zwar nicht, aber ich bin ein guter Zuhörer, auch wenn sie mir das vielleicht nicht glauben." "Also wenn sie es mit Peggy aushalten, stimmt." Ups und schon wieder. "Sie mögen sie nicht, stimmts." Schlaues Kerlchen. Ich nickte. "Ne, aber ich sag nichts, nur dass sie nicht so unschuldig ist wie sie aussieht." Abwartend blickte er mich an. "Hat sie ihnen gesagt, dass sie schuld ist, dass ich den Hang überhaupt hinunter gefallen bin?" Ich spürte, wie ich wieder diese Wut in mir hochkam, die ich seit jenem Unglückstag in mir verspürte. "Wirklich? Das kann doch nicht sein." Das waren genau die falschen Worte, damit stachelte er diesen Zorn erst recht an. "Ja, doch, ehrlich. Ich mein, na, sie und Monique hatten so eine Verschwörungstheorie, dass ich hinter Moniques Typen Chris her wäre. So ein Schwachsinn. Peggy wusste genau, das dies nicht der Fall war, hat aber nicht aufgehört, Monique in diesem Glauben zu lassen. Und das alles nur, weil sie glaubte, dass Matt nichts von ihr wollte wegen mir. Schauen sie mich an, so eine Schönheit bin ich nicht, dass sich alle Männer den Kopf verrenken und mich als ihre Traumfrau erwählen." Er schwieg diplomatisch. "Sehen sie, sie sind der gleichen Meinung wie ich. Anyway. Um zurück zu kommen. Diese blöden Tussen haben so einen Plan ausgemacht, wie sie die lästige Nebenbuhlerin loswerden können. Das ich nicht lache, HA!"
"Und sie glauben daher, dass die beiden sie den Abhang hinunter gestossen haben? Aber wie kommt es, dass niemand von den anderen Teilnehmern es bemerkt hat?"
"Na, sie haben sich meine Schusseligkeit zu nutze gemacht. Weiss auch nicht woher das kommt, jedenfalls Monique täuschte einen hysterischen Anfall vor und drängte sich auf diesem schmalen Pfad an mir vorbei, und dabei stiess sie mich von dem Weg. Und schon schlitterte ich den Hang hinab, tja, und der Rest ist Geschichte." "Die zwei erzählen da aber was anderes?" "Klar, ist ja logisch, sie können doch nicht zugeben, dass das alles ihre Schuld wäre. Sonst müssten die beiden mit einer Klage wegen fahrlässiger Körperverletztung rechnen." Ich schwieg. Wenn die beiden wüssten was sie damit bewerkstelligt haben. Ein verschmitztens Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. "Und wohin wanderen ihre Gedanken jetzt?" "Tschuldigung, was? Ah, ich hab nur daran gedacht, dass die zwei sich jetzt grün und blau ärgern, nachdem feststeht, wer Jack ist. Wenn die wüssten." "Was denn? Ich mein, so gefangen zu sein in einer Höhle stell ich mir nicht gerade traumhaft vor. Nicht wissend, ob man jemals wieder lebend herauskommt, nichts zu tun, kein Essen." Er verzog das Gesicht. "Na, es gibt andere Methoden, sich zu beschäftigen." Wissend grinste ich ihn an. Er stockte kurz, dann wurden seine Augen grösser und grösser. "Sie wollen also sagen, dass sie und Keanu?" Er beendete den Satz nicht. "Ich behaupte gar nichts. Aber ich mein, was würden sie denn machen, wenn sie zum Beispiel mit Pamela Anderson in solch einer Situation wären? Sicherlich nicht Kieselsteine zählen, oder?" "Aha, eine Frau schweigt und geniesst." "Genau."
Tja dann, übrigens, was ich mir noch nicht ganz klar ist, wussten sie denn schon, dass es sich bei dem Typen um Keanu handelte? Peggy jedenfalls nannte mir einen anderen Namen, unter dem er reiste." "Nö, das fand ich erst in der Höhle heraus, die einzige, die es wusste war Jo, und durch ihre dauernden Anspielungen viel es mir dann irgendwann wie schuppen von den Augen." Martin Sommer schüttelte nur den Kopf. "Ja, ist das nicht unglaublich. Sie können sich ja vorstellen, was für Augen ich machte. Aber cool wie ich bin, hab ich daraus gar kein grosses Trara gemacht sondern ihn wie zuvor weiterbehandelt." "Echt? Wie war das möglich? Ich mein, wie soll ich es sagen? Wie ist es denn schlussendlich dazu gekommen?" "Gekommen? Zu was?" Ich mimmte die nichtwissende, konnte mir aber nach wie vor nicht das Lächeln verkneifen, verflixt aber auch. "Na eben, dazu?" Er fuchtelte nervös mit den Händen vor meinem Gesicht herum. "Aber aber, ein bisschen Fantasie ist hier gefragt." "Sowas besitz ich leider nicht." Schmollend blickte er mich an, doch das lachen in seinen Augen verriet ihn. Aber wenn ers wirklich wissen will, tja, dann soll er es wissen. Bin ja schliesslich ned so. Ausserdem tat es gut mit jemandem darüber zu reden, der Aussenstehend war und mich nicht irgendwie vorverurteilt wie alle anderen.
Na zuerst waren wir halt beide total cool in der Situation, bis mir dann die ganze Tragweite bewusst wurde. Da bin ich mal kurzerhand gerastet und er hat mich mit einer Ohrfeige wieder zur Besinnung gebracht." "Keanu Reeves hat sie geschlagen?" Entsetzen breitete sich auf seinem Gesicht aus. "Ja, aber ned so tragisch, ich mein, habs ja verdient. Und dann drohte er mir noch härtere Massnahmen an, sollte ich mich nicht beruhigen und die wollte ich natürlich wissen und so kam es zum ersten Kuss. Man kann der Typ küssen, unglaublich." "Das kann ich leider nicht beurteilen." "Stimmt," grinste ich ihn an. Ich hoff ich krieg nicht zuviele Falten von dem Dauergrinsen. "Und dann?" "Na dann hatte ich mich beruhigt, weil ich so perplex darüber war. Ich mein, ein Star wie Keanu Reeves küsst mich? Das musste ich erst mal verarbeiten." "Verständlich." "Also hat er sich in der Höhle umgeschaut, während ich mich sammelte und ganz unglaubliche Dinge gefunden wie Wasser und Höhlenmalereien. Jedoch gab es dann auch einen Zeitpunkt, da sind wir uns gegenseitig auf den Geist, einfach weil wir nicht mehr weiter wussten und aehm, irgendwie kam es zum Streit und er lief davon. Als er nicht zurück kam, begab ich mich auf die Suche nach ihm und es war an mir, ihn zu beruhigen, indem ich die gleiche Methode bei ihm anwendete wie er bei mir. Nur dass das dann weiter ging, als das letzte Mal." "Oh," war alles, was Hr. Sommer dazu sagte.
"Und wie geht es jetzt mit ihnen zwei weiter?" "Weiter? Nichts weiter, das wars. Ich mein, er ist ein berühmter Hollywood Star und ich arbeite als Hotelassistentin in einem unbekannten Hotel in der Schweiz." "Ja aber ich mein, das sollte es schon gewesen sein?" "Tja, so ist das Leben, unfair und gemein, aber immerhin hatte ich ne schöne Zeit," ein grinsen breitete sich erneut auf meinem Gesicht aus, "aber wie gesagt, ich beende das alles lieber bevor jemand verletzt wird."
Wir plauderten noch eine Weile über dies und jenes, bevor mich dann Hr. Sommer verliess. War doch irgendwie ein ganz sympatischer Typ, wäre er bloss nicht Peggies Freund. In dem Wissen, einen angenehmen Nachmittag verbracht zu haben, schlief ich endlich ein.