Ein Jahr Später

Ich überflog die Einträge in meinem Tagebuch. Oh man, was für ein Chaos jetzt in meinem Leben herrschte. Nie hätte ich dies für möglich gehalten. Alles hatte ich verloren. Meine Freunde, meine Ehre und vor allem meine Selbstachtung.

Verstohlen wischte ich eine Träne weg. Wie so oft in letzter Zeit konnte ich diese nicht zurückhalten. Wütend warf ich das Tagebuch ans andere Ende des Zimmers, wo es aufgeblättert liegenblieb. So konnte es nicht weitergehen. Schlussendlich bin ich doch auch nur ein Mensch und berechtigt Fehler zu begehen! Ich blickte auf die Uhr. Mist, meine Schicht beginnt gleich. Schnell zog ich meine Arbeitskleidung über, begab mich ins Bad, legte dezentes Make Up auf und brachte meine Frisur in Ordnung. Mit einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel lächelte ich mir aufmunternd zu und verliess mein Zimmer.

Ich arbeitete zwischenzeitlich wieder in der Schweiz als Receptionistin und Mädchen für Alles in einem Hotel in Genf. Kaum unten angekommen wurde ich auch schon von einer Kollegin angesprochen, welche verzweifelt dreinblickte. Mit einem dezenten Blick gab sie mir zu verstehen, dass sie wieder mal mit einem unmöglichen Gast zu verhandeln hatte und froh wäre, wenn ich ihr dabei helfen würde. Ein leiser Seufzer entfuhr mir und ich folgte ihr völlig demotiviert. Mit einem künstlichen Lächeln begrüsste ich den Gast und fragte nach, wo das Problem lag. Diese jedoch blickte mich mit herunter geklapptem Kiefer erstaunt an. Hatte ich irgendwie nen Riesenpickel übersehen vorhin? Noch einmal fragte ich nach ihrem Problem und blieb abwartend vor ihr stehen. Auf einmal schien sie ihre Sprache wiedergefunden zu haben und in einem Schwall aus Französisch und Englisch überschüttete sie mich mit Vorwürfen.

"Sie sind die Person die diesen armen Schauspieler beinahe in den Ruin trieb und seiner Karriere einen erheblichen Knick besorgte! Wie können sie es wagen, überhaupt noch unter Leute zu treten? Sie unmögliche Person sie!" So ging es weiter die nächsten paar Minuten. Ich blickte sie ruhig an ohne mit der Wimper zu zucken. Vor ein paar Monaten hätte mich dies noch völlig aus der Bahn geworfen. Jedoch, irgendwann wird man abgebrüht. Meine Kollegin blickte abwechselnd von mir zu unserem Gast und wieder zurück. Anscheinend war sie noch nicht über mich –informiert worden. Nachdem die Kundin kurz inne hielt um Luft zu holen versuchte ich nochmals höflich nach ihrem sonstigen Problem zu fragen, jedoch ergebnislos. Ein erneuter Wortschwall ergoss sich über mich und am Schluss keifte sie so laut in der Gegend rum, dass unser Schichtleiter aufgeschreckt aus seinem Büro gestürzt kam und versuchte, den Gast möglichst dezent aus der Hotellobby zu entfernen. Diese jedoch hatte inzwischen gesagt was es zu sagen gab und meinte nur noch, dass sie nicht in einem Hotel wohnen könne, in der eine so verabscheuungswürdige Person angestellt sei wie ich. Mit hochrotem Kopf griff sie nach ihrem Koffer und verliess das Gebäude.

Nachdem Hr. Mueller es geschafft hatte, die übrigen Gäste wieder aufzufordern, dem nachzugehen, was sie eben tun wollten trat er wütend auf mich zu. Ich wusste schon was jetzt kommen würde. Es war nicht das erste Mal innerhalb der letzten 12 Monate und ich kannte die Anzeichen nur zu deutlich. Er zitierte mich in sein Büro und meine Kollegin blickte mir mit einem entschuldigenden Blick hinterher, bevor sie ihre Nase wieder tief in das Gästebuch steckte.

"Frau Berger, können sie mir bitte erklären, was dies eben zu bedeuten hatte? Dies ist ein renomiertes Hotel und solche Zwischenfälle können uns erheblich schaden. Aufgrund dieser in letzter Zeit sich häufenden Vorkommnisse sehe ich mich leider ausser Stande, sie hier noch weiter zu beschäftigen. Selbstverständlich werden wir Ihnen ihr Gehalt bis Ende Monat noch bezahlen, jedoch wünsche ich, dass sie sofort ihre Sachen packen und uns verlassen." Ich nickte ihm nur bestätigend zu und verliess sein Büro. Conny, meine Kollegin blickte mich abwartend an. "Scheint so, als ob du deine Schicht alleine zu Ende führen musst." Entschuldigend blickte ich sie an. "Aber was sollte denn das Ganze eben?" "Hach, das hat etwas mit meiner Vergangenheit zu tun und irgendwie scheint es eben, dass ich diese wohl nie abschütten kann. Jedenfalls darf ich mir jetzt einen neuen Job und eine neue Wohnung suchen. Aber was solls, ändern kann ich es ja eh nicht." Resigniert blickte ich sie an. Das ganze hatte mich doch mehr mitgenommen, als ich mir selber eingestehen will. "Sunny, ich mach das ja nicht oft, aber irgendwie mag ich dich und du hast mir in der kurzen Zeit hier doch schon ein paar Mal aus der Patsche geholfen. Hier ist mein Wohnungsschlüssel, die Adresse geb ich dir gleich. Du kannst bei mir bleiben, bis du etwas eigenes gefunden hast." Mit grossen Augen blickte ich sie an. Sie wusste wohl nicht, auf was sie sich da einliess. "Conny, das ist super lieb von dir, aber ich will dich nicht auch noch in Schwierigkeiten bringen. Ich scheine nämlich den Leuten kein Glück zu bringen." "Ach Paperlapapp! Ich kann dich doch nicht ohne ein Dach überm Kopf stehen lassen. Und sei es halt nur für eine Nacht." Damit drückte sie mir einen Zettel mit ihrer Adresse in die Hand und schob mich Richtung Lift. "Du kannst mir ja dann heute Abend erklären, was das hier eben sollte und weshalb du glaubst, dass du Unglück bringst." Sie lächelte mir aufmuntern zu. Schon lange nicht mehr war mir jemand mit solch einer Wärme und Freundlichkeit begegnet. Ich spürte erneut wie mir die Tränen in die Augen traten. "So und nun ab mit dir, bevor Hr. Mueller kommt und dich immer noch hier rumstehen sieht. Sie drückte den Knopf nach Oben im Lift und liess mich allein, um sich den wartenden Gästen anzunehmen.