Conny
Eine Stunde später kam ich in Connys Wohnung an. Gemütlich hatte sie es hier. Sie war zwar nicht gross, aber hatte alles notwendige. Ich begab mich in die Küche und brühte mir einen Kaffee. Danach setzte ich mich aufs Sofa und starrte Löcher in die Luft, während meine Gedanken wieder zurück in die Vergangenheit drifteten. War ich wirklich so schlimm wie mich alle darstellten? Na vermutlich ja schon, ansonsten wäre ich jetzt nicht hier. Ich bemerkte nicht wie die Zeit verging und als es plötzlich an der Tür leutete zuckte ich erschrocken zusammen. Vorsichtig begab ich mich zur Gegensprechanlage nur um festzustellen, dass es Conny war. Erleichtert liess ich sie eintreten. Erneut begrüsste sie mich mit dieser Wärme. Wieso war mir dies vorher nicht aufgefallen? Vermutlich weil ich nicht damit gerechnet hatte.
"So ich hoffe du bist noch fit und munter, denn ich habe hier einen feinen Tropfen Wein mitgebracht und werde uns nun etwas zu Abend essen kochen. Ich nehme nicht an, dass du heute schon etwas gegessen hast?" Abwartend blickte ich sie an. Ich schüttelte verneinend den Kopf. "Na dachte ich es mir. Und um ein gutes Gespräch zu führen gehört nun mal ein voller Magen und ein edles Tröpfchen. Komm, du kannst mir in der Küche helfen." Verdattert blickte ich sie an. Langsam schlich sich mein altes Misstrauen zurück. Niemand war so nett zu einer Person, ohne irgend eine Gegenleistung zu erwarten. Jedoch spürte ich beim erwähnen von Essen meinen Magen knurren und so beschloss ich erstmals das auszunützen, was mir geboten wurde. Eine weile später war das Essen angerichtet und wir sassen an ihrem Küchentisch und liessen es uns schmecken. Wir redeten über alles mögliche, nur nicht über das, was heute im Hotel vorgefallen war. Schlussendlich hielt ich es nicht mehr aus und sprach sie darauf an. "Bist du nicht neugierig, was es mit dieser Frau heute auf sich hatte?" "Klar, ja, bin ich. Aber schau Sunny, ich bin ja jetzt doch schon ein paar Jährchen Älter als du und dies hat mir die Erkenntnis gebracht, dass es erfolglose Liebesmüh ist, jemanden auszuhorchen, der nichts erzählen will. Ich merke, dass du viel mit dir herumschleppst und dass du unendlich verletzt wurdest. Doch ich denke, dass es nichts bringt, wenn ich dich direkt danach frage, da du ansonsten auf stur stellst. Du musst parat sein, mir dies aus freien Stücken zu erzählen. Jedoch scheint dein Vertrauen in die Menschheit ziemlich tief erschüttert zu sein und deshalb bist du noch nicht soweit." Verdattert blickte ich sie an. Noch nie hatte jemand mit mir in letzter Zeit so offen gesprochen. "Doch wenn du das schon alles weißt, weshalb lässt du mich dann bei dir wohnen? Ich mein, wir hatten nicht so viel Kontakt zuvor respektive um zu sagen, dass wir uns gut genug kennen, was ein solches Verhalten rechtfertigen täte. Ich meine, meine Erfahrungen haben einfach gezeigt, dass niemand so etwas für einen anderen Menschen tut, ohne irgendwelchen Hintergedanken zu haben." So, nun war es endlich ausgesprochen.
Sie lächelte mich wieder warm und offen an. "Sunny, da hast du vollkommen recht. Und wie ich dir heute schon gesagt habe, ist dies normalerweise überhaupt nicht meine Art. Jedoch liebe ich den Umgang mit Menschen, sonst wär ich ja völlig falsch in meinem Beruf." Conny hielt kurz inne und nahm einen Schluck vom Wein. "Ich weiss nicht was genau der Grund ist, weshalb ich dies hier tue. Nenn es aus Reflex heraus, Instinkt. Keine Ahnung, jedoch als dich heute diese schreckliche Dame so derb beschimpft hat, sah ich deinen verletzten Blick, auch wenn du den nicht eingestehen willst, er war da. Ich wurde zwar nicht schlau aus dem ganzen, aber es hat mich neugierig gemacht. Auf der anderen Seite wurde auch mein Beschützerinstinkt wach. Niemand hat es verdient, dass so mit ihm Gesprochen wird. Und deshalb biete ich dir die Möglichkeit. Nun liegt es an dir, ob du etwas daraus machst oder ob du es bleiben lässt. Mehr kann ich dazu nicht sagen."
Während ich Conny so zuhörte spielte ich nervös mit dem Weinglas. Eine solch offene Rede hatte ich nicht erwartet. Diese mir entgegen gebrachte Ehrlichkeit erschütterte mich tief. Ich wusste schlicht und einfach nicht, wie ich damit umgehen soll. Ein grosser Schluck Wein sollte mir über diese peinliche Situation hinweghelfen. Tausend Gedanken schossen durch meinen Kopf. Es drängte mich so sehr, endlich mal mit jemandem darüber zu sprechen. Doch noch war eine Blockade vorhanden. Ich hatte einmal den Versuch unternommen und auf das Gesicht des Ekels und die Abscheu, die mir danach entgegen gebracht wurde, konnte ich herzlich gern verzichten. Immer nervöser werden zündete ich mir eine Zigarette an. Eine blöde Angewohnheit, die ich wieder begonnen hatte, nach all dem vorgefallenen. Unsicherheit breitete sich nun in mir aus. "Sunny, schau, du musst mir das heute nicht erzählen, ich zwinge dich zu nichts. Du bist noch nicht soweit. Deshalb lass uns für heute Schluss machen und morgen werden wir sehen, wie es mit dir weitergehen soll. Hast du schon irgend eine Vorstellung, was du tun willst?" Hilflos schüttelte ich den Kopf. "Na kein Problem, lass dir Zeit. Da Morgen sowieso Freitag ist und vor Montag eh nichts möglich ist, geniess einfach mal dein verlängertes Wochenende." Da war es wieder, dieses Lachen und die ehrliche Herzlichkeit in ihren Augen. Ein schlechtes Gewissen umfing mich. So gerne hätte ich ihr mein Herz ausgeschüttet, doch noch konnte ich nicht. Vielleicht irgendwann mal, aber nicht heute und nicht jetzt.
Ich half ihr, die Küche aufzuräumen und richtete mir auf dem Sofa mein Schlafgemach ein. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich mich nicht in den Schlaf weinte und einigermassen durchschlafen konnte.