London

Jo sass in einem Strassenkaffee und starrte auf das übergrosse Plakat an der gegenüberliegenden Häuserwand. Lustlos rührte sie in ihrem Cappuchino. Ihre Gedanken schweiften zurück. Vor ihrem inneren Auge kam ihr all das wieder hoch, was letztes Jahr passierte, seit Sunny und sie diese verhängnisvolle Reise nach Costa Rcia antraten. Nie hätte sie geglaubt, dass die Freundschaft, die sie mit Sunny verband, je in die Brüche gehen könnte. Doch genau dies war geschehen. Sie erinnerte sich noch genau an den Tag als der Zeitungsartikel erschienen war.

Es war kaum eine Stunde vergangen, seit Keanu sie in ihrem Hotelzimmer abgeliefert hatte, als es wie wild an der Türe klopfte und sie einem wütenden Keanu gegenüberstand, der mit einer Zeitung vor ihrer Nase rumfuchtelte und auf sie einredete. Da Jo überhaupt nicht begriff, um was es ging trat sie einen Schritt zur Seite und liess ihn ein. "So, und nun das Ganze nochmals von vorne. Aber diesmal bitte in zusammenhängenden Sätzen und nimm gefälligst die Zeitung aus meinem Gesicht. Kaffee?" Keanu nickte und liess sich erschöpft aufs Bett fallen, während Jo Wasser im Wasserkocher erhitzte. "Hier, liess!" forderte Keanu Jo auf und hielt ihr wieder die Zeitung vors Gesicht.

Jo griff danach und begann zu lesen... "Keanu Reeves nützt Unglücksopfer schamlos aus" ... Ungläubigkeit zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Sie lass den Artikel nochmals. "Oh my gosh", murmelte sie, "aber sonst geht’s ihr gut?" Geschockt setzte sie sich zu Keanu aufs Bett. Jo wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. "Dabei kann es sich nur um ein Missverständnis handeln", murmelte sie erneut und suchte Keanus Blick. "So etwas würde sie nie machen, dafür kenn ich sie zu gut." "Bist du dir da sicher?" Keanu erwiderte Jo’s Blick misstrauisch. "Ja, dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen." "Wenn du sie dir dabei nur nich verbrennst!" "Warum?" "Hier sind Details beschrieben, die ausser ihr und mir nicht bekannt sein können." Jo schaute Keanu erneut an und suchte fieberhaft nach einer Erklärung, doch obwohl nie um eine Antwort verlegen, fiel ihr zur Zeit absolut nichts ein, wie sie die Situation erklären konnte.

"Es gibt nur eine Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden. Wir müssen Sunny befragen." Keanu stand auf und wartete auf Jo. Diese zog ihre Schuhe wieder an, schnappte sich ihre Jacke und folgte Keanu.

Vor dem Spital herrschte das reinste Chaos. Unzählige Nachrichtenwagen, Reporter und sonstige Schaulustige standen vor dem Haupteingang und versuchten, in das Gebäude hineinzugelangen. Die Wache hatte alle Hände voll zu tun, doch war sie komplett überfordert. Keanu tippte dem Taxifahrer auf die Schultern und bat ihn zum Emergency Eingang zu fahren. Dieser zuckte nur mit den Schultern und tat wie ihm aufgetragen wurde. Doch zu spät, die Reporter hatten Keanu erkannt und unter folgten unter wilden Gesten dem Taxi. 30 Minuten später, völlig entnervt standen die beiden dann endlich am Empfang. Nach weiteren 15 Minuten, viel Überzeugungsarbeit und noch mehr Nerven wurden sie dann zu Sunnys Zimmer vorgelassen. Auch dort war zwischenzeitlich eine Wache platziert worden. Sie traten ein. Sunny lag im Bett und schien zu schlafen. Vorsichtig stubste Jo Sunnys Schultern. Diese bewegte sich kurz, zeigte aber sonst keine Reaktion. Etws stärker wurde Sunny nun von Jo aus dem Schlaf geschüttelt. Diese blinzelte gegen die Morgensonne an, die Hell ins Zimmer leuchtete.

Als sie ihre Freundin erblickte, grinste sie diese an, auch wenn sie noch ziemlich verschlafen dreinblickte. "Und wie geht’s dir heute?" "Hmm, so so la la. Du, wegen gestern," wollte Sunny ansetzen, als sie realisierte, dass Jo nicht alleine da war. Sunny kniff die Augen zusammen und versuchte herauszufinden, wer die andere Person war, als ihr etwas entgegenflog. Erschrocken zuckte sie zusammen und versuchte mit einer wilden Geste das Geschoss wegzuschlagen. Dabei riss sie zu fest an einem der Schläuche, welcher sich darauf hin unsanft mitsamt der Nadel aus ihrem Arm löste. Unter Schmerzen funkelte sie den Typen wütend an. "Was soll der Schrott?" baffte sie ihn auf Deutsch an. "Das Gleiche wollte ich dich eigentlich fragen," erwiderte Keanu auf Englisch. In dem Moment erkannte Sunny, um wen es sich dabei handelte. "Was willst du hier? Ich habe doch gesagt, dass ich nichts mehr mit dir zu tun haben will!" baffte Sunny Keanu erneut an während sie sich die schmerzende Stelle rieb, in der kurz zuvor noch die Infusion steckte. "Dann hast du aber eine merkwürdige Art, dies zu zeigen! Wenn du ja soo nichts mehr von mir wissen willst, wie kommst du dazu, all das erlebte frisch fröhlich einem Journalisten unter die Nase zu reiben? Und dann noch in dieser Horroversion? So hat sich das ganze nämlich nicht zugetragen, und das weißt du genau. Unklar ist mir lediglich, was du damit bezwecken wolltest? Na auch egal, ich hoffe, du hast wenigsten einen guten Preis ausgehandelt!" erwiderte Keanu kalt. Sunny blickte ihn erstaunt an. Dann schaute sie sich hilfesuchend zu Jo um. Diese jedoch verwies nur auf die auf ihrem Bett liegende Zeitung.

Sunny griff danach und las. Nachdem sie fertig war, liess sie resigniert die Zeitung fallen. "Also?" Keanu blickte sie abwartend an. "Hast du dem Reporter all das erzählt?" "Ja," meinte sie nur. Jo zog deutlich hörbar die Luft ein. "Sunny, wie konntest du nur?" Enttäuscht blickte sie ihre Freundin an. Sunny blickte schuldbewusst auf ihre Hände. Keanu indes schaute Sunny wütend an, suchte Jo’s Augenkontakt bevor er schweigend das Zimmer verliess.

Sunny hatte diesen Blickkontakt sehr wohl registriert, ging aber nicht darauf ein. Als die beiden jungen Frauen alleine waren, setze sie erneut an. "Jo," doch weiter kam sie nicht, den Jo fuhr ihr ins Wort. "Verdammt noch mal Sunny! Hast du denn kein Fünkchen Anstand mehr? Wieso hast du nicht zuerst mit mir geredet, musstest du gleich brühwarm alles der Presse erzählen? Und ich habe dich auch noch bei ihm in Schutz genommen und geschworen, dass du so etwas nie machen würdest! Ich bin echt zu tiefst enttäuscht von dir. Ich hätte mehr von dir erwartet. Dabei hatte er dich echt gern. Wir haben lange darüber geredet und..." Nun war es an Sunny, die Jo ins Wort fiel. "Wieso sprecht ihr eigentlich über mich? Warst du etwa die ganze Nacht mit ihm zusammen? Un wenn ich es getan habe, dann ist das mein Bier und nicht deines. Wie kommst du dazu, mir Vorwürfe zu machen? Du weißt ja gar nicht was alles genau vorgefallen ist und spielst dich wieder mal als Dr. Ich-Weiss-Alles-Besser auf. Miss Perfect vs Miss Unperfekt! Dass ich auch Gefühle habe und dass vielleicht noch andere Aspekte mitspielen interessiert euch beide ja gar nicht. Für euch zählt nur, dass ich das Interview gegeben habe und schon bin ich das grösste Arsch. Meinst du, ich habe eure beschwörenden Blicke nicht mitgekriegt? Wie ihr euch anhimmelt! Das ist zum Kotzen. Ich weiss dass ich einen Fehler da in der Höhle gemacht habe und der wird sicherlich nicht nochmals vorkommen. Los, geh zurück zu deinem Keanu-Schatzi und werde Glücklich mit ihm! Auf solche loyalen Freunde kann ich echt verzichten." "Na dann erzähl mir doch, was vorgefallen ist. Rede mit mir!" erwiderte Jo, die krampfhaft versuchte, ihre Tränen über die verletztenden Worte ihrer Freundin zurück zuhalten.

"Warum? Ihr habt euch ja eure Meinung schon gebildet, nur schon dass ihr Fragen musstet beweist dies. Und wie ich schon gesagt habe, ja es stimmt, ich habe das Interview gegeben und fertig. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen. Für mich ist das Thema erledigt! Und nun geh, verschwinde! Lasst mich doch einfach alle in Ruhe!" Damit drehte sie der Freundin den Rücken zu und zog die Decke über den Kopf. "So nicht Sunny!" Jo war inzwischen extrem wütend. Noch nie hatte sie jemand so herablassend behandelt wie eben ihre beste Freundin und deshalb schmerzte es besonders. "Was fällt dir ein mich so zu behandeln? Du solltest von allen besser wissen, dass ich die letzte wäre, die dich hintergangen hätte. Ich weiss echt nicht, was in dich gefahren ist. Ich gehe jetzt, aber glaub mir, es wird nicht das letzte Wort gewesen sein in dieser Geschichte." Damit stürmte sie aus dem Zimmer, nicht mehr länger fähig, ihre Tränen zurückzuhalten. Draussen wartete nach wie vor Keanu auf Jo. Als er sah, wie aufgelöst sie war, nahm er sie wortlos in seine Arme und hielt sie einfach nur fest. Er hatte den Wortwechsel zwischen den beiden zwar vernommen, da sie jedoch Schweizerdeutsch redeten, kein Wort verstanden. Bei sich dachte er sich, dass es so vielleicht auch am besten war. Die Wache blickte die beiden erstaunt an, doch weder der deutschen noch der englischen Sprache mächtig, konnte er nicht viele Informationen aufnehmen.

Keanu führte zwischenzeitlich die aufgelöste Jo via Keller aus dem Krankenhaus und brachte sie zurück zu ihrem Hotel...

"Miss? Hallo Miss, hätten sie noch gerne etwas bestellt? Ansonsten würde ich gerne einkassieren." Unsanft wurde Jo in die Realität und somit zurück nach London geholt. Sie blickte den Kellner verwirrt an, stammelte ein Nein, zahlte und verliess das Cafe Richtung ihrer Wohnung.