Doppelt gesehen
Tom rief mich noch ein paar mal aus seiner Militärzeit aus an. Dann kam der Schlag. Am Sonntag sagte er mir, es sei aus, er habe gekündigt. Diesmal liess ich mein Handy tatsächlich fallen. Zum Glück sass ich und entsprechend nicht tief fiel es und war noch ganz. Wie in Trance grabschte ich danach. "Emily, biste noch dran?" "Ja, jetzt wieder, kannst du einem nicht vorwarnen, bevor man so was los wird?" Nur beherrscht hielt ich meine Tränen zurück. Erst jetzt merkte ich wie verschossen ich in Tom war und die Angst ihn zu verlieren grösser war als alles andere. "Warum?" hauchte ich in den Hörer. "Das würde ich dir lieber nicht am Telefon sagen. Können wir uns irgendwo treffen?" "Ja klar, in einer Stunde im Mexikaner bei dir?" "Ok, dann bis dann." Typisch Tom, auch in diesem Moment noch eines seiner Wortspielchen auf den Lippen. In meinem Express-sich-parat-mach-Modus war ich 30 Minuten später abfahrbereit. Die ganze Zeit über fragte ich mich, was wohl los war. Weshalb wollte er künden? Wollte er wieder als Kaminfeger durch die Lande ziehen? In 15 Minuten wusste ich es. Sich knapp an die Geschwindigkeitsbegrenzung haltend flog ich über die Autobahn (Wonderwoman!! Tschuldigung, Insiderjoke) und schaffte es in einer Rekordszeit von 50 Minuten im Restaurant zu sitzen. Tom konnte ich noch nirgends ausfindig machen. Pünktlich 10 Minuten später betrat er, aehm, betraten er, betraten sie? Meine Verwirrung war komplett. Ich glaub ich brauch nen starken Eistee. Tief ins Glas schauend leerte ich es in einem Zug. Immer noch 2 Toms. Vielleicht hätte ich meine Brille doch mal anziehen sollen? Aber das mit der Eitelkeit, ich weiss nicht, ich kann mich einfach immer noch nicht überwinden. Hatte es vielleicht doch Alkohol im Eistee? Dann müsste es ein Long Island Ice Tea gewesen sein. Immer noch über diesen Sachverhalt nachdenkend probierte ich Tom, die Toms zu ignorieren. Ging jedoch nicht, da sie sich direkt vis-a-vis von mir hinsetzten. Skeptisch und misstrauisch schaute ich die beiden an. Was wurde hier gespielt? Wartend sass ich da. Die Toms glaubten ja nicht etwa allen ernstes dass ich den Anfang machte?!
Nachdem die Kellnerin da war und wir unsere Bestellungen aufgaben, diesmal orderte ich wirklich nur Eistee, begann der Linke Tom. "Ich, also ich meine wir haben gefunden, dass wir dir eine Erklärung schuldig sind." Echt? Da wär ich aber nie darauf gekommen! Weiterhin wartend sass ich da. Rechter Tom redete jetzt weiter, "ich glaub wir müssen dir so einiges erklären und wir dachten, dazu sei es nur fair, dich persönlich einzuweihen." Aha, sprich weiter, ich mein sprecht weiter. Verwirrend! So kam dann schlussendlich heraus, dass sie Zwillingsbrüder seien, wer wäre bei dem Anblick nicht darauf gekommen. Sie hatten sich die Stelle bei meinem Arbeitgeber geteilt, so quasi ein Jobsharing durchgeführt und und und. Ich war nur noch baff. Ich glaub ich konnte froh sein war der Tisch noch zwischen meinem Kinn und dem Boden, sonst wärs ganz weit aufgefallen, mein Maul. Wie ich das dann einschätze, hätte es auch extrem weh getan. Ebenfalls war es das erste mal in meinem Leben, dass ich wirklich sprachlos war. Ich wusste schlicht und einfach nicht, was ich darauf antworten sollte. Was erwarteten die Toms jetzt von mir? Freudige Begeisterung? Also sass ich weiterhin wartend da und nuckelte an meinem Eistee, obwohl mir der Long Island jetzt lieber gewesen wäre. So redeten sie weiter und erzählten mir wie es dazu kam, wie anstrengend das Versteckspielen gewesen sei und dass da gewisse Gefühle auf einmal einen wichtigen Faktor ausmachten, welche sie zum Entschluss brachten, zu künden. Mir ging durch den Kopf, wie sie dies wohl mit der Kündigung anstellen würden. Jeder einzeln oder kollektiv zu zweit?
Nächster Gedanke, Moment mal, hat da Tom Links nicht was von Gefühlen gesagt? Ich glaube meine Gehirnwindung hat grad wieder einmal den Umweg über Hinterriningen genommen. "Aha. Sagt mal, wer ist jetzt eigentlich wer?" Hey, ich war sogar noch fähig zu reden, auch wenn mein Herz grad irgendwie an seinen Saltorollen Vorwärts am üben war. Tom rechts sagte, "Ich heisse Mike, und das" er zeigte dabei auf Tom links, "das ist der wirkliche Tom." "Aha". Heya, war ich kreativ. "Und wieso wolltet ihr mir das gerade sagen? Ich mein, wieso ich, ich glaub ich wiederhole mich," verstummend schaute ich von Mike zu Tom und wieder zurück zu Mike. Es gab also wirklich zwei von diesen Exemplaren. Der eine hatte graue Augen, der andere Blaue. Es war also doch kein Traum von mir. Ja wer von beiden gefiel mir denn nun? Ich war zutiefst verwirrt und musste dringendst über diesen "Sachverhalt" nachdenken. "Du bist uns einfach so extrem ans Herz gewachsen, dass wir fanden, es wäre höchst unfair dir gegenüber, dies zu verschweigen." Tom fuhr fort, "ausserdem hast du uns immer ehrliches Vertrauen entgegengebracht und ich, wir wollten dies auf keinen Fall noch mehr ausnützen. Ich, wir hatten diesbezüglich schon ein so schlechtes Gewissen, dass wir dir es eigentlich schon viel früher sagen wollten. Aber wie es so ist, irgendwie war nie der passende Zeitpunkt."