Kapitel 1

Endlich war ihre Spätschicht vorbei und Lilly hatte Feierabend. Die Tür des Call-Centers fiel hinter ihr ins Schloss. Bevor sie unter dem schützenden Vordach in die Dunkelheit trat, schloss sie ihre Augen und sog die frische Luft tief in ihre Lunge. Kurz überlegte sie, was sie mit dem heutigen Abend noch anfangen sollte und wog zwischen dem einsamen Fernsehabend oder einem Kneipenbesuch ab.

Entschlossen für den Fernsehabend trat die junge Frau unter dem schützenden Vordach auf die Straße und stellte fest, dass es stark regnete.
"Auch das noch!", murmelte sie verdrossen und machte sich auf dem Weg zur nächsten Bus-Station, rannte durch den Regen. An der nächsten Ecke bog sie links ein, blieb mit ihrem hohen Absatz in einem Loch stecken und stürzte hin. Patsch und sie landete im Dreck. Auf den Knien hockend wollte sie sich gerade wieder aufrichten, als ein Mann mit schnellen Schritten näher kam. Eilig bog er um die gleiche Ecke. Übersah Lilly am Boden und lief unbeirrt weiter. Er stolperte. Wild fuchtelte er mit den Armen in der Luft umher und versuchte einen Halt zu finden, versuchte verzweifelt, sein Gleichgewicht zu stabilisieren. Doch es machte wieder Klatsch und er fiel auf sie.

Und Lilly? Sie landete mit ihrem ganzen Körper im Matsch, sogar das Gesicht bekam leichten Kontakt mit dem Bordsteinpflaster.
"Verdammt noch mal! Sind Sie denn verrückt!" schrie sie los und schlug nach dem neben ihr liegenden Mann, boxte ihn wütend in die Seite.
"Eh, eh was soll das? Ich konnte doch nicht ahnen, dass Sie hier um diese späte Zeit auf allen Vieren in der Gegend umher kriechen!", brüllte er zurück und stand ächzend auf.
"Das nächste Mal trinken Sie ein Gläschen weniger, vielleicht schaffen Sie es dann im aufrechten Zustand nach Hause!" schnauzte er weiter.
Jetzt reichte es endgültig! Lilly konnte nicht mehr, sie blieb einfach liegen und weinte.

Mit seinem triefenden Mantel stand er entgeistert, sogleich hilflos neben diesem Häufchen Elend. In seiner Verlegenheit versuchte er, den Schmutz von seiner Kleidung zu wischen und beäugte aus zusammen gekniffenen Augen die Frau am Boden. Schließlich bückte er sich zögerlich und griff nach dem Arm dieser Kreatur da unten. Er zog sie ohne großen Widerstand nach oben. Danach bückte er sich noch einmal und sammelte ihre Handtasche und ihre Jacke auf.

Was für ein skurriler Anblick bot die junge Frau ihm! Der Absatz ihres Schuhs war beim Sturz abgebrochen, so stand sie mit einem eingeknickten Bein da. Die Strümpfe lösten sich langsam in Maschen laufende Löcher auf. Ihr kurzer Rock hatte sich verdreht, so dass der hintere Schlitz auf ihrem vorderen Oberschenkel saß und die noch heile Spitzenbordüre des halterlosen Strumpfes zeigte. Dann die weiße Seidenbluse, welche bei dem Gerangel aus dem Rock rutschte, klebte vor Nässe und Schmutz an ihrem Körper. Trotzdem sah er durch sie ihre wohlgeformte Gestalt, nahm ihre Haut wahr. Von dem Sturz wurde auch ihre Nase in Mitleidenschaft gezogen und sie blutete. Überall im Gesicht klebte Dreck und die Wimperntusche vermischte sich langsam mit dem niederprasselnden Regen und ihren Tränen. Sie lief zähflüssig über ihre Wangen. Von ihrer braunen Haarpracht war nichts mehr zu sehen, angeklatscht lagen ihre langen Locken am Kopf und tropften, tropften, tropften.

Nur mäßig unterdrückte er ein lautes Lachen und fragte mit gepresster Stimme: "Wohin müssen Sie denn noch?" "Ich?", brachte sie mühsam hervor, "ich will nach Hause, mit dem Bus!" und begann erneut zu schluchzen.
"Aber so "! So können Sie unmöglich Bus fahren ...", er betrachtete sie noch einmal näher, ehe er weiter sprach, "Sie können ja ein Taxi rufen!" und hielt ihr bereitwillig sein Handy entgegen.
"Taxi? Das geht nicht. Ich, ich habe nicht mehr so viel Geld bei mir ..."
Ruhe - beide überlegten. Nur Lilly's lautes Schnäuzen durchdrang die Stille.
Plötzlich holte er tief Luft und sprach behutsam weiter: "Hm! Dann kommen Sie mit zu mir, ich wohne dort hinten", und zeigte mit seinem Finger demonstrativ in Richtung Bus-Station, "dort machen Sie sich ein wenig frisch."
Sie zögerte kurz und willigte schließlich Kopf nickend ein.
Er ging, ihre Sachen noch immer in der Hand haltend, mit weit ausholenden Schritten voraus und sie humpelte auf der menschenleeren Straße hinter ihm her.