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Gefangen

Ein lauter Knall riss mich aus meinem Dämmerschlaf. Versteinert blieb ich liegen. Mein Atem setze aus. War es erneut passiert? Ich lauschte den Geräuschen im Hostel. Ein paar unruhige Atemzüge hier, ein knarrendes Bett dort. Krampfhaft versuchte ich Sauerstoff zu mir zu nehmen. Erfolglos. Unsicher tastete ich im Dunkeln nach meinem Rucksack, auf der Suche nach meinem Walkman.

Bilder der vergangenen Tage schossen durch mein Gehirn. Brennende Gebäude, Staub, verwirrte Menschen, Trauer, Panik, Wut, Agressionen, Ungreifbares. Tränen befeuchteten erneut meine Augen. Was als Tripp meines Lebens begonnen hatte endete in einer Katastrophe. Unendlich viele Menschen hatten in den letzten Tagen ihr Leben lassen müssen. Blinde Ohnmacht! Wie konnte sowas geschehen? Unmöglich schien es, doch wir wurden alle eines besseren belehrt. Angst kam wieder über mich. Eine ausgestorbene Stadt, eine Geisterstadt, kein Auto, kein Obdachloser, kein Tier, nichts war auf der Strasse, als ich diese gestern Nacht durchstreifte, in der Hoffnung nach etwas Ablenkung.

Die Stille im Schlafraum erdrückte mich beinahe. Hatte denn niemand den Knall gehört? War ich die einzige die nicht schlafen konnte. Erfolglos versuchte ich das Geschehene zu fassen, Wirklichkeit werden zu lassen. Das Gefühl der Einsamkeit suchte mich heim, wie jede Nacht. Der Wunsch, bei meinen Lieben, meinen Freunden zu sein wuchs ins Unermessliche. Doch sie waren Meilenweit entfernt. Die Dunkelheit der Nacht erlaubte mir endlich schwach zu sein, meine innere Anspannung etwas zu lockern.

Tagsüber musste ich Stark sein. Ich war eine der Älteren, fast schon eine Oma im Vergleich zu den übrigen, die hier mit mir festsassen. Beruhigen, ihnen die Angst nehmen, zuversicht verbreiten, dazu war ich verdammt. Die täglichen Telefonanrufe zuhause halfen hier nicht wirklich viel, da die Aussenwelt nicht die ganzen Informationen hatten. Auch diese hatte ich zu beruhigen, stets zu versichern, dass bei mir alles in Ordnung sei. Dabei sehnte ich mich doch nur nach einer Schulter zum anlehnen.

Ein Seufzen in meiner Nähe liess mich innehalten. Erneut lauschte ich, der Regen draussen prasselte unbeirrt nieder, wusch den Dreck weg. Endlich stiess ich auf das Gesuchte. Mit zitternden Händen schaltete ich den Radio ein, lauschte den Moderatoren, der Musik. Nichts. Ein Stoss frischem Atem füllte meine Lungen. Es war nur ein Donnerschlag, diese Erkenntnis traf mich wie ein Blitz. Seelisch erschöpft kuschelte ich mich in meinen Schlafsack, liess meinen Tränen freien lauf, weinte endlich, bis ich erneut in einen Dämmerzustand fiel. Meine letzten Gedanken waren, hoffentlich konnte ich Morgen Manhattan verlassen.

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