Das Urteil

Heute war der Tag der Entscheidungen. Es sollte über ihre Zukunft bestimmt werden. Kam sie zu ihrer Tante, oder blieb sie hier in den Staaten in der Obhut der Jugendbehörde. Eigentlich wäre es logisch, dass sie zu ihrer Family kam, doch was war schon logisch. Sie wusste es nicht mehr. Sie wusste auch nicht, ob sie zurück in die Schweiz wollte. Ihr Leben hatte sich zu sehr verändert in diesem letzten Jahr. Sie hatte sich verändert. Sie wusste schlicht und einfach nicht mehr, in welche Welt sie gehörte. Deshalb fand sie es nicht schlecht, dass sie sich nicht selber entscheiden musste. Ausserdem war sie hier näher bei ihrer Mutter.

Nun war es endlich soweit. Trisha hatte vor dem Jugendgericht zu erscheinen. Ihr Leben hatte sich von Grund auf verändert. Schon wieder! Wo vorher Angst, Bangen, Hoffnung, Liebe, Hass ihr Leben dominierte, war jetzt eine Routine ohne Gefühlsregung eingetreten. Sie hatte sich im Waisenhaus eingelebt. Doch galt sie dort als Einzelgängerin und niemand gab sich dort gross mit ihr ab. Jerry und Phil kamen sie immernoch regelmässig besuchen. Ihre einzigen Lichtblicke zur Zeit. Und nun sollte entschieden werden, wie ihr Leben aussehen sollte. Jerry und ihr zugeteilter Jugendfürsorger begleiteten sie.

Trisha hatte noch nie ein solch grosses Gebäude gesehen und die vielen hektisch darin herumrennenden Menschen beeindruckten sie nur noch mehr. Schüchtern ergriff sie Jerrys Hand. Sie wollte hier nicht verloren gehen. Erstaunt blickte Jerry auf die Hand in seiner. Sie wirkte so klein und zerbrechlich in seiner. Ausserdem war es die erste Gefühlsregung von Trisha ihm gegenüber. Auf einmal fühlte er sich unheimlich Stolz und er schwor sich, alles für dieses Mädchen zu tun damit sie wieder lachen konnte. Gemeinsam Hand in Hand betraten sie den Gerichtssaal. Nur wenige Personen waren anwesend. Ganz am anderen Ende des Saals konnte Trish den Richter ausmachen. Tatsächlich trug er die schwarze Robe wie sie es in so vielen Fernsehsendungen gesehen hatte. Auch einen Gerichtsschreiber gab es. Nur die Geschworenen fehlten. Trisha musste sich zu ihrem Fürsorger nach der Abschrankung setzen, welche das Publikum von den anderen trennten. Sie musste dafür Jerrys Hand loslassen. Besorgt schaute sie ihn an. Er zwinkerte ihr zu und gab ihr ein aufmunterndes Kopfnicken. Dann begann die Verhandlung.

Nach knapp einer halben Stunde war alles vorüber. Wildfremde Menschen hatten über ihre Zukunft entschieden. Sie musste in New York bleiben. Grund für den Entscheid, erstens war sie durch die Adoption Amerikanerin geworden, zweitens war noch ein Verfahren hängig, in dem sie allfällig als Zeugin auszsagen hatte. Das einzige was sich änderte, war, dass sie nicht mehr im Waisenhaus lebte, sondern in ein Heim verlegt wurde. Ebenfalls beschloss das Gericht, ihren Fall neu zu beurteilen, wenn sie 18 Jahre wurde und sie offiziell die HighSchool abgeschlossen hatte.